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Ibogaine

5.Kapitel aus dem Buch Naranjo's
Ibogain - Wachtraum und Wirklichkeit

Claudio Naranjo

Ibogaine ist eines von zwölf Alkaloiden, die man aus der Wurzel einer westafrikanischen Pflanze, Tabernanthe iboga, isolieren kann. Vagen Berichten zufolge wurde es im Kongo vorwiegend als Stimulans benutzt, und als solches wird es auch bei DE ROPP in DRUGS AND THE MIND angeführt. Und ebenfalls als Stimulans fand es vor einigen Jahrzehnten Eingang in die französische Medizin. (GERSCHOMS Feststellung, dass Ibogain ein Inhibitor [Hemmstoff] für MAO [Monoaminoxidase] ist, dürfte eine Erklärung für seine Anwendung nach klassischer Methode bieten und beweist, daß es - schon lange vor dem Auftauchen von Iproniazid, Rofranil und so weiter - das erste Antidepressivum dieser Art der Schulmedizin ist.)
Im Juli 1966 legte ich bei einer Tagung über psychedelische Substanzen , die RICHARD BAKER (Roshi) in San Franzisco für die Universität von Kalifornien organisiert hatte, einen Bericht über meine ersten Versuche mit dem Alkaloid in Verbindung mit der Psychotherapie vor, in dem ich die halluzinogenen Wirkungen bei größeren Ibogaindosen beschrieb. Seitdem ist es im gleichen Zusammenhang von einer zunehmenden Anzahl von Psychiatern, vornehmlich in Südamerika, angewandt worden.
Meinem hiesigen Bericht an dieser Stelle habe ich die Aufzeichnungen von vierzig therapeutischen Gruppensitzungen mit dreißig Patienten zugrunde gelegt, bei denen ich entweder Ibogain oder reinen Iboga-Extrakt benutzte, sowie von zehn Sitzungen mit einer anderen Gruppe, bei der ich Iboga-Extrakt in Verbindung mit dem einen oder anderen Amphetamin anwandte. Meine allgemeinen Angaben stützten sich zudem auf eine breite Skala nicht dokumentierter Erfahrungen, die mir zu statistischen Zwecken dienten. Teils handelte es sich dabei um Erfahrungen mit weiteren Patienten, teils um Informationsmaterial aus medizinischen Konferenzen mit meinen Kollegen an der Universität von Chile. Die Anzahl der in meiner Gegenwart durchgeführten Behandlungen oder von solchen, deren Verlauf mir indirekt bekannt wurde, beträgt annähernd einhundert.
Was die physischen Wirkungen betrifft, verursachen weder Ibogaine noch Harmala-Alkaloide eine Pupillenerweiterung oder ein Ansteigen des Blutdrucks, wie bei den LSD-ähnlichen Halluzinogenen oder den Amphetaminderivaten MDA und MMDA der Fall. Auch ähnelt das Ibogain dem Harmalin insofern, als es öfter als alle anderen psychoaktiven Chemikalien, Alkohol ausgenommen, Gleichgewichtsstörungen und Erbrechen hervorruft.
Angesichts des häufigen Auftretens dieser Symptome ist es ratsam, dem Patienten die Droge bei leerem Magen zu verabreichen und bei der ersten Sitzung nicht mehr als 4 mg per Kilo Körpergewicht. Meiner Meinung nach liegt die ideale Dosierung zwischen 3 und 5 mg per Kilo, je nachdem, wie der einzelne individuell auf die Droge anspricht. Wird die Dosis oral in einer Gelatinekapsel eingenommen, zeigen sich die Symptome etwa nach fünfundvierzig bis sechzig Minuten. Sie kann acht bis zwölf Stunden anhalten, und manche Patienten berichteten von subjektiven Nachwirkungen, die sie sogar noch nach vierundzwanzig Stunden (20 Prozent), sechsunddreißig Stunden (15 Prozent) oder noch länger (5 Prozent) spürten. Doch selbst in diesem Fall befindet sich der Patient gewöhnlich sechs bis acht Stunden nach Einsetzen der Drogenwirkung wieder in seinem Normalzustand. In der Mehrzahl beendete ich die Sitzung nach sieben Stunden oder schon eher und ließ den Patienten in entsprechender Gesellschaft zurück. Zur Verhütung von Übelkeit kann auch Dramamin Benutzt werden, entweder bei der ersten Sitzung oder auch später, wenn man weiß, dass der Betreffende mit Erbrechen reagiert.
Eine bequeme Couch oder ein Bett sind als Rahmen für die Behandlung unentbehrlich, denn die Mehrzahl der Patienten möchte während der ersten Stunden oder gar die längste Zeit der Sitzung liegen, weil ihnen übel wird, wenn sie auf sind oder sich bewegen. Andere hingegen empfinden irgendwann in der Sitzung das Verlangen, sich zu bewegen oder gar zu tanzen (35 Prozent nach meinen Daten), und dies kann sich als signifikanten Aspekt ihrer Erfahrung erweisen, - worauf ich später eingehen werde. Aus diesem Grunde ist es wünschenswert, dass ein gewisses Maß an Raum zur Verfügung steht.
Dringt man in den subjektiven Bereich vor, entdeckt man einige Ähnlichkeiten zwischen den jeweils mit Ibogain und Harmalin hervorgerufenen Erfahrungsinhalten, obgleich andererseits auch gerade hier das Spezifische einer jeden Erfahrung am deutlichsten in Erschienung tritt. Allgemein lässt sich sagen, dass in den von beiden erzeugten Wachträumen archetypische Inhalte und Tiere an häufigsten vorkommen, während die Handlungsvorgänge sich oft durch zerstörerische oder sexuelle Elemente kennzeichnen.
Trotz der Ähnlichkeit der Wirkung von Ibogain und Harmalin gibt es bei der ersteren gewisse Besonderheiten, die ihr in der Psychotherapie einen eigenen Platz einräumen. Ibogain ruft weniger visuell-symbolische Erfahrungen hervor als Harmalin. Bei keiner anderen Droge habe ich so häufig Wutausbrüche erlebt, wie unter der Wirkung von Ibogain. Auch bei Harmalin-Erfahrungen ist Aggression ein häufiges Thema, doch dort findet sie nur in visuellen Symbolen Ausdruck. TMA, das angeblich Feindseligkeit auslöst, kennzeichnet sich nach neiner Erfahrung eher durch einen wahnhaften zustand, wobei sich die Feindseligkeit mehr in paranoidem Denken als in tatsächlichen Empfindungen äußert. Bei Ibogain wird der Zorn nicht auf di gegenwärtige Situation des Patienten projiziert (übertragen in psychoanalytischen Sinn, würde ich sagen), vielmehr auf Personen oder Situationen der Vergangenheit, und zwar auf die Person, durch den er ursprünglich erregt wurde. Dies steht im Einklang mit der allgemeinen Tendenz des unter Ibogaine stehenden Analysanden , sich in Reminiszenzen und Fantasien seiner Kinderzeit zu ergeben.
Das häufige Auftreten von Tieren, Primitiven, sexuellen Themen und Aggression in der Ibogain- und Harmalin-Erfahrung dürfte zu dem Schluss berechtigen, dass diese Drogen speziell die triebhafte Seite der Psyche angehen. Daß hier hauptsächlich das "Tier im Menschen" angesprochen wird, steht in krassem Gegensatz zu der Wirkung der luftigen oder ätherischen "Psychedelica", die den Analysanden mit dem "Gott im Menschen" oder den "Teufel im Menschen" in Berührung bringt, desgleichen zu den ganz auf das Innenleben gerichteten Drogen wie MDA und MMDA, die den Analysanden dazu bewegen, sich auf sein individuelles Sein und auf seine Beziehungen zu seinem Mitmenschen zu konzentrieren.
Von qualitativen Unterschieden der Ibogaine-Erfahrung abgesehen, gibt es auch inhaltliche: Ihr Inhalt ist weniger rein archetypischer Natur, sondern spielt sich mehr in der Kindheit der betreffenden Person ab, wobei gewisse Themen für den durch das Alkaloid ausgelösten inneren Zustand typisch zu sein scheinen, vor allem Symbolbilder wie Brunnen, Röhren und Sumpftiere. Der Leser wird sich von dieser Besonderheit anhand der Fallbeispiele auf den folgenden Seiten selbst ein Bild machen.

Das erste Fallbeispiel, das ich hier vorlege, beschränkt sich auf die Beschreibung einer Sitzung. Die Vielfalt der auftauchenden Episoden kann als gedrängtes Panorama der möglichen Wirkungsarten betrachtet werden und der Erörterung ihrer Zweckmäßigkeit für die Psychotherapie dienen.
Es handelte sich um den Fall eines jungen Arztes, der selbst Psychiater werden wollte, sein Interesse an einer therapeutischen Begegnung mit der Droge war auf das Empfinden zurückzuführen ,dass es ihm an echtem Kontakt mit seinen Mitmenschen mangele und er an seinem Liebesleben, seiner Arbeit oder seinem Tun im allgemeinen innerlich nicht recht beteiligt sei. "Ich habe das Gefühl, dass ich vieles nur automatisch tue, und dass was ich tue, keinen Wert hat", sagte er. "Der Kontakt mit anderen müsste von Wesensmitte zu Wesensmitte bestehen."
Um sich für die Ibogain-Sitzung vorzubereiten, hatte er an vier Gestalttherapie-Sitzungen teilgenommen und wie gefordert, seine Lebensgeschichte niedergeschrieben. Fünfundvierzig Minuten nach Einnahme der Droge meldete er das Eintreten einer tiefen Entspannung und äußerte den Wunsch, sich auf der Couch auszustrecken, ER legte sich nieder, faltete Arme und Beine übereinander, schloss die Augen und lauschte der Musik einer Platte, die er selbst mitgebracht hatte. Jeder Ton der Musik schien ihm von einer Reinheit und Eindringlichkeit, wie er es noch nie zuvor wahrgenommen habe.
Als er die Augen öffnete, war er überwältigt von der Schönheit und dem Detailreichtum der Gegenstände im Raum, die ihm ebenfalls ganz neu erschienen. Dann sah er sich die Fotos in dem Band Family of Man an, der neben seiner Couch lag; er gewann dabei tiefe Einsicht in die Bedeutung des Dargestellten wie auch in seine eigenen Einstellungen dazu. Dann verlangte es ihn, sich erneut hinzulegen, und als er die Augen schloß, verfiel er in einen Wachtraum: Er sah seinen Vater Gesichter schneiden, wie im Spiel, und heiter dabei lächeln. Sein Kommentar: So müsse ihm sein Vater erschienen sein, als er ein kleiner Junge war. Dann aber änderte sich der Ausdruck seines Vaters: Sein Gesicht war plötzlich von Wut verzerrt. Jetzt erschien eine nackte Frau mit runden Hüften, die ihr Gesicht mit ihren Armen verbarg, und dann fiel sein Vater, ebenfalls nackt, über sie her, um in sie einzudringen. Er spürte, wie die Frau, die er nun als seine Mutter identifizierte, ihre Wut unterdrückte.
Diese Sequenz wählte ich als Ausgangspunkt und forderte den Analysanden auf, die beiden miteinander sprechen zulassen. Dies ist ein Mittel, um dem Patienten den latenten Inhalt der Bilder bewusst zu machen. "Was sagt sie?" - "Geh weg!" - "Was empfindet er?" Das konnte der Analysand nicht imaginieren. "Wahrscheinlich ist er verblüfft", meinte er. Dies war der rechte Augenblick, einen weiteren Schritt in der gleichen Richtung zu tun, das heißt, er sollte nun dieses Traumbild zur Entfaltung bringen und seine komprimierte Bedeutung in den Bereich des Fühlens und des Handelns übertragen. "Seien Sie jetzt Ihr Vater", sagte ich. "Verwandeln Sie sich mit al Ihrem schauspielerischen Vermögen in Ihren Vater und lauschen Sie, was Ihre Mutter zu ihm gesagt hat. "Jetzt fühlte er sich imstande, seinen Vater zu personifizieren: Er war nich "verblüfft", sondern empfand tiefen Kummer und Zorn über ihre Zurückweisung. Am Tage darauf schrieb er nieder:
"Ich sehe meine Mutter als hart, ohne jede Zuneigung und voller Ängste, und ich sehe in meinem Vater nicht mehr jenen gefühlslosen Menschen, der ihr mit seinen Liebesaffären weh tut, sondern jenen Mann, der das Tor zu ihrer Liebe vergebens zu öffnen versuchte. Dennoch habe ich Mitleid mit meiner Mutter"
Es folgte nun ein seltsamer Wachtraum: Er selbst wird von einem Löwen beleckt, der sich in eine Löwin verwandelt, die ihm die Genitalien abbeißt und ihn als leblose Puppe zurücklässt. An diesem Punkt erhob er sich von der Couch, wanderte umher, gingin den Garten, wo alles für ihn aussah, "als hätte es zuvor nicht existiert". Er kehrte ins Zimmer zurück, legte STRAWINSKIS Sacre du printemps auf, und schon bei den ersten Klängen verspürte er den Drang, sich im Rhythmus der Musik zu bewegen.
Und so hat er die Drogenerfahrung später beschrieben:
"Nach und nach ergab ich mich dem Rhythmus der Musik und begann, wie ein Besessener zu tanzen . Ich fühlte mich ausgeglichen, expressiv, und was das Wichtigste war, ich fühlte mich als ich selbst. Doch einmal blickte ich zufällig in den Spiegel und sah, dass meine Hände sich auf eine konventionelle, nicht von der Musik inspirierte Weise bewegten, ich ärgerte mich darüber. Als die eine Seite der Platte zu Ende war, drehte ich sie um und tanzte weiter. Ich spürte keine Müdigkeit, und die Bewegung machte mir große Freude."
Nun schlug ich ihm vor, einen Traum durchzuarbeiten, den ich hier allerdings nicht wiedergebe, obwohl er für den Analysanden insofern von Wichtigkeit war, als er sein Selbstwertgefühl stärkte. Nach diesem Traum betrachtete er die Familiefotos, die er mitgebracht hatte, was dazu beitrug, sein Verhältnis zu Vater und Mutter zu klären. Vier Stunden nach Auftreten der ersten Symptome merkte er, dass die Ibogain - Wirkung weitgehend abgeklungen war. Er unterhielt sich mit ein paar Freunden, die mal hereinschauten. "Manche Gesichter erschienen mir sehr sch und ausdrucksvoll", berichtete er später. "Andere empfand ich als abweisend, ängstlich, sie zeigten ihre Schönheit nicht, sondern verbergen sie hinter Angst." Die Wahrnehmung, dass die meisten Menschen Masken trügen, wie er es ausdrückte, verfolgte ihn noch den ganzen nächsten Tag.
Nach der Sitzung spürte der Proband, dass die Drogenerfahrung in mehrfacher Hinsicht ergiebig für ihn gewesen war. Einen Monat darauf glaubte er auf verschiedenen Gebieten eine Besserung zu verspüren. In seiner Niederschrift heißt es:
"Schärfe der Wahrnehmung, Enthüllung des Wahren und Echten: Die Erkenntnis, dass es unrechte und unvollkommene Dinge in der Welt gibt, vernunftwidriges menschliches Verhalten, nur halb vollendete Werke...Ich spüre jetzt das Bedürfnis, darüber hinaus zu gelangen. Und so bejahe ich Aggression deshalb, weil sie ein Mittel zu diesem Zweck ist."
An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass der Proband, der trotz seines Wunsches nach Drogenerfahrung ein zufriedener, unbeschwerter, passiver Viscerotoniker war, nunmehr weit zielstrebiger, aktiver und entschlossener wurde.
Ein weiterer Gewinn seiner Erfahrung, berichtete er, bestand in der Klärung seiner familialen Beziehungen. Ersah jetzt seine Eltern, wie sie wirklich waren; und er begriff, wie "kastrierend" das Verhältnis zu seiner Mutter gewesen war.
Ein dritter Gewinn bestand für ihn in der Entdeckung des Körpergefühls, der Erfahrung, dass sein Körper ein Ausdrucksmittel war, was ihm beim Tanzen bewusst wurde. "Die Erfahrung war mir sehr wichtig", sagte er, "dass ich Bewegungen mache, die mir nicht eigen sind, sondern entlehnt, zweckgerichtet - nicht Äußerungen meines innersten Seins. "Die Fähigkeit de Unterscheidung zwischen dem, was seinem "inneren Sein" entspricht und dem, was ihm nicht wirklich entspricht, scheint auf der gleichen Bewusstseinsebene zum Durchbruch gekommen zu sein, die ihn zwischen echt und unecht in anderen Bereichen unterscheiden lässt, und ist die Quelle seines neuen Verlangens nach größerer Erlebnistiefe, Aktivität und vertieften menschlichen Beziehungen. Sie ist es vermutlich auch, der ein anderer Erkenntnisfortschritt zu verdanken war: "...dass die Menschen deshalb Masken tragen , weil sie ihre Ängste dahinter verbergen."
Gleichzeitig ging ihm zu guter Letzt auf, dass sein vermeintlicher Mangel an Religiosität und all seine religiösen Schwierigkeiten lediglich imaginär waren.
Hier muss hinzugefügt werden, dass unser Proband - ein frommer und ziemlich bekehrungseifriger Katholik - eine Klosterschule besucht hatte und mehreren kirchlichen Organisationen angehörte. Menschen, die ihn näher kannten - und auch mir- erschien seine Religiosität etwas konventionell. Bei diesen "religiös" etikettierten Problemen ging es vorwiegend um die Entscheidung, wie weit und in welcher From die Autorität der Kirche zu respektieren sei. Bemerkenswert war indes in diesem Fall, dass ihm nicht bei der Kontemplation seiner Lebensprobleme die Erleuchtung kam, nämlich dass religiöse Überlegungen dieser Art und di eigentliche religiöse Erfahrung zwei ganz verschiedene Ding sind, sondern bei der Betrachtung der Bilder in ‚The Family of Man': Auf einem der Fotos war ein in tiefste Andacht versunkener buddhistischer Mönch zu sehen, auf einem anderen daneben ein Mann, der in götzendienerischer Ehrfurcht vor einem kirchlichen Würdeträger kniete.
Die hier nur gekürzt wiedergegebene Sitzung erbrachte eine ganze Reihe von erhellenden , therapeutisch ergiebigen Situationen: Entspannung, Tanz, Kontemplierung von Gegenständen, Fotos und Personen, Ausagieren von Traumfantasien, Traumverarbeitung und gesteuerter Wachtraum - alle als mögliche Wege zur Selbstentfaltung, zur Selbsterfahrung sowie auch zu komplizierteren psychotherapeutischen Verfahrensweisen. In diesem speziellen fall darf man das Fazit ziehen, dass der durchlaufende Prozess der Selbsterfahrung, der Selbstfindung , des Selbstausdrucks der Kontaktfähigkeit zur Umwelt zum Vorteil gereichte. Das elementare Erleben des Tanzes hatte für ihn in der Entdeckung des eigenen Stils, der eigenen Bewegung bestanden, und zur Entdeckung der Wahrheit der Dinge wurde er durch die Betrachtung äußerer Objekte und Personen mit eigenen Augen geführt, deren Funktion er in gewisser Hinsicht hatte brachliegen lassen. Seine Traumvisionen indes waren von anderer Erfahrungsqualität gewesen. Die Sex-Szene, als seine Mutter seinen Vater abweist, oder die Kastration durch die Löwin und ebenso eine weitere, der Kürze zuliebe nicht angeführte Traumsequenz waren mehr Ausdruck seiner Psychopathologie als seines Normalzustandes, mehr der aufgesplitterten Persönlichkeit als seines "Selbst". Während das Leben, wenn es in seinem natürlichen Rhythmus dahinfließt, der beste Psychotherapeut sein kann, trifft dies stets nicht zu , wenn die Sub-Egos der Person in Konflikt geraten. Hier sieht sich der Psychotherapeut erst wirklich gefordert. Hier ist es seine Aufgabe - wie bei den Shamanen der Eskimos- verlorengegangene Seelen wieder zu finden. Dementsprechend werden es die dunkleren Seiten der Ibogaine-Erfahrung sein, von dem der größte Teil dieses Kapitels handelt.
Ehe wir und indes in diesen Bereich begeben, müssen wir uns mit der charakteristischeren Form der visionären Erfahrung bei Ibogaine befassen, - genau jener Art von Erfahrung, die der Proband unseres Beispiels nicht an den Tag legte. Während sich in seinem Fall, vermutlich aufgrund seiner extrovertierten Natur, die visionäre Erfahrung in seinem Verhältnis zur Umwelt niederschlug, reflektiert sie sich in anderen Fällen in der Innenwelt durch das Medium der Imagination, deren symbolische Bilder oft von überwältigender Schönheit sind oder halbverschleiert den Inhaltsreichtum des Mythenhaften aufweisen. Hier bewegen wir uns im Bereich der archetypischen Erfahrung - im gebräuchlicheren Sinn des Begriffs Archetypus, wobei das Schwergewicht auf der visuellen Darstellung liegt- , wiewohl ich zumal nach meinen Experimenten mit Ibogain der Meinung bin, dass das visuelle Symbol nicht die archetypische Essenz wiedergibt, sondern diese sich in der vermittelten Erfahrung niederschlägt, die ebenso in motorischer Bewegung Ausdruck finden kann ( Tanz, Ritual) wie auch in Projektion auf die Wahrnehmung der Außenwelt - wie bei unserem Patienten der Fall. Er sah die Dinge plötzlich neu, "als hätten sie zuvor nicht existiert", und war nun imstande, hinter die Masken der anderen zu blicken und mit deren wahren Selbst in Kommunikation zu treten und bei der Betrachtung der Fotos in der jeweiligen Geste ein Symbol beziehungsweise die Verkörperung einer transzendenten Intention oder aber im Gegenteil die absolute Bedeutungslosigkeit einer Geste zu erkennen, Wie weit man hier von archtypischer Wahrnehmung - im üblichen Sinn des Wortes - oder von archetypischer Bewegung oder Aussage, oder archetypischem Denken oder auch von archetypischer Iagination sprechen kann oder nicht, muß man doch gerade letztere als gesonderten psychologischen Prozess, als Teil einer nur flüchtigen oder auch länger andauernden Erfahrung während der Sitzung betrachten, die etwa die Hälfte aller mit Ibogain behandelten Personen erlebte. Ich bringe hier Ausschnitte aus einer Aufzeichnung einer solchen Erfahrung:

"Ich sehe Blau, blau, blau. Ich sitze auf dem Boden, den Körper aufgerichtet. Mühelos kann ich mich im Sitzen rundum drehen. Alles ist blau...blau...Alles ist schön. Ich strecke meinen Arm aus und ziehen im Drehen eine Kreis um mich. Ich sitze immer noch auf dem Boden und ziehe einen weißen Kreis um mich inmitten dieser Türkisblauen Atmosphäre, in der ich schwebe. Dann ziehe ich mit der Hand einen kleineren weißen Kreis und blicke aufwärts dabei. Ich bin völlig eingehüllt in diese blaue Atmosphäre, in der ich ringsum einen weißen Kreis entdecke und einen kleineren darüber...Auch Weiß. Diese Atmosphäre ist dicht. Ich versuch e, durch meinen oberen Kreis zu blicken...ein Periskop? Was sehe ich dort? Ein klares licht leuchtet auf in dieser dichten blauen Atmosphäre. Es wird ein Lichtstrahl daraus. Ich blicke druch meinen weißen Kreis, schaue, mehr Licht fällt in die Röhre, mehr weißes Licht, mehr und mehr, mit blendender Gewalt, und immer noch mehr. Immer mehr, ich blicke durch den weißen Lichtstrahl hindurch und weiß, dass Er dort ist, Er, und...jenes Licht, jene Röhre. Jener ungeheure weiße Strahl ist jenseits blau, blau, Blau! Und es ist ein anderes Blau als das erste, ein reines, lichtes Blau, transparent, ewig, endlos, seren, aufwärtssteigend, das ist das All! Weiß-blau, das ist körperlose Ferne, unermessliche ungeheure Größe. Über jedes Gesetz erhabenes Universum. Ds war Gott. Gott. Gott.
Es kam ganz überraschend. Ich weinte. Ich weinte auch jetzt noch und jedes Mal, wenn ich mich daran erinnere. Ich ziehe mich in mich selbst zurück, um daran zu denken und zu weinen.
Wieder im Nichts. Ich fühle die Fülle in der Entspannung, wie nach einem großen Schmerz. Ich bin wieder auf dem Boden und he die schnellen Rhythmen der Radiomusik. Jetzt ist es mein Leib, der reagiert, nicht meine Seele oder mein Geist. Ich fühle, dass ich ein Hündchen bin. Ich bin von anderen Hündchen umgeben und spiele mit ihnen. Ich höre ihre drolliges Bellen, dann glaube ich, ich bin eine Katze... nein! Ich bin ein Pony! Ich galoppiere. Nun bin ich so etwas wie ein Tiger...wie...Ich bin ein Panther! Ein schwarzer Panther! Ich verteidige mich, ich richte mich auf. Ich schnaufe mächtig, mit dem Atem eines Panthers, Raubtieratem! Ich bewege mich wie ein Panther, meine Augen sind die eines Panthers, ich sehe die Haare meines Schnurrbartes. Ich brülle und ich beiße. Ich reagiere wie ein Panther: Angriff ist die beste Verteidigung.
Jetzt he ich Trommeln, ich tanze. Meine Gelenke sind Verzahnungen, Scharniere, Naben. Ich kann ein Knie sein, ein Bolzen, kann irgend etwas, ja fast alles. Und kann mich wieder verlieren in diesem Chaos des Nichtseins und der Wahrnehmung vager, abstrakter Ideen sich wandelnder Form, wo es eine Eingebung der Wahrheit aller Dinge und eine Ordnung gibt, die zu entdecken man sich erste anschickt!"

Und gegen Ende der Sitzung , vier Stunden später:
"Wieder Nichtheit, Müdigkeit. Ich knie auf dem Boden, meine Hände auf dem Läufer, lasse den Kopf hängen. Ich fühle die Welle zurückkommen, Schwindel ergreift mich, ich presse mich gegen den Boden...Ich bin auf einem Deckel...ein großes Rad, das zugleich ein Deckel ist, den ich öffnen muß! Ich mühe mich bis an die Grenzen meiner Kraft, um es zu drehen, greife in die Speichen, Der Deckel dreht sich. Plötzlich befinde ich mich unter ihm, auf einem großen Rad mit Speichen und Zweigchenräumen. Es hat in der Mitte eine dicke Achse, die es mit dem Deckel zu verbinden scheint und unter dem Rad, auf dem ich jetzt sitze, noch weiter geht. Wie bin ich hier heruntergefallen? Ich kann es mir nicht erklären. Ich merkte es nicht als ich fiel...Hier muß ich heraus...Muß raus! Nach oben ist es unmöglich, es kann nur nach unten. Jenseits der Stangen herrscht tiefe Finsternis. Vielleicht werde ich jene Röhre der Leerheit herunterfallen...Es macht nichts...ich muß hier raus, fort von diesem Rad, das in diesem Tunnel ohne Wände hängt. Vielleicht mit Hilfe des Mechanismus der Achse...ich weiß, dass sich dieses Rad nach oben oder nach untern verschieben lässt. Verzweifelt taste ich den Mechanismus ab. Ich höre den Arzt zu mir sagen: "Seien Sie selbst die Achse!" Überraschung. Ich beginne mich wie eine Achse zu fühlen. Stählern, hart, drehe mich, drehe mich, drehe mich mit Geräusch. Ich bin die Achse, Stunde um Stunde...Ich hab keine Zeit mehr, eine Achse zu sein. Ich drehe mich mit Geräusch. Ich drehe mich, drehe mich, drehe...Ich spüre, dass ich meine drehende Achse rechts anhebe, langsam steige ich an die Grenzen der Dehnbarkeit - immer noch Achse. Dann greift meine Hand nach vorn, Ich habe einen Dolch in der Hand und will töten! Ich werde töten! Ich tue einen Schritt vorwärts um zu töten. Ich bin im Begriff, eine...eine...eine...Mumie zu töten! Wie entsetzlich das ist! Es ist der mumifizierte Leichnam einer Frau, vertrocknet, mit einer braunen ledrigen Haut, und sie hat eine Binde über den Augen! Und sie lächelt, zugleich grausig und süß, als hätte sie liebliche Träume oder lausche ironisch, e3as vor sich geht. Zweimal stoße ich den Dolch tief in sie hinein. Es fühlt sich an als ob Leder zerreißt. Ich komme mir gemein vor, verrückt..."

Diese Ausschnitte dürften genügen, um ein paar typische Ibogain-Motive zu verdeutlichen: Licht (vornehmlich weißes und blaues), Tiere (speziell Raubtiere), rotierende Bewegungen, kreisrunde Formen sowie auch die Röhre. Diese scheint sich in unserem Beispiel mit Dunkelheit, Abwärtsbewegung und dem Eingeschlossensein zu einem Komplex zu verbinden, der in polarem Gegensatz steht zu jenem weißen Lichtstrahl und dem zu Anfang empfundenen Freiheitsgefühl. Später werde ich in diesem Kapitel noch eingehender darstellen, inwiefern das Sinnbild der Röhre in Ibogaine- Sitzungen eine wichtige Rolle spielt, und hätte ich damals schon mehr Erfahrung gehabt, hätte ich den Abstieg des Patienten - den er ja schon vor sich sah - abgewartet und ihn sogar dazu ermutigt, sich in das Dunkel herabsinken zu lassen. Doch auch das Ende dieser Episode- der plötzliche aggressive ausbruch zum Schluß - ist ein für die Ibogaine- Erfahrung nahezu typischer Zug, den ich als ein Zeichen partiellen Durchbruchs werte. Solche Ausbrüche stehen in polarem Gegensatz zu jenem Gefühle des Eingeschlossenseins, das sich im vorangegangenen Bild ausgedrückt hatte. Ähnliches habe ich auch in anderen Fällen vor dem Auftreten aggressiver Anwandlungen beobachtet: entweder in rein bildlicher Form oder aber als Gefühl schwerer Hemmung und Unfreiheit oder als Apathie oder als rein körperliche Empfindungen des Eingeschlossenseins oder Gebremstwerdens. Ich sehe darin eine Wendung nach Innen , eine Lähmung des aggressiven Potentials der Persönlichkeit, das, in natura an einem Außenziel abreagiert, ein Gefühl der Erleichterung, Freiheit und Macht gewährt hätte. In unserem Fall ist der Patient alles andere als erleichtert, sein Schuldgefühl wegen des Messerstechens war im Grunde ein Zurückweichen. Er vermochte der Präsenz des Weichlichen in seiner Innenwelt noch immer nicht unbefangen entgegenzutreten.
Man mag sich fragen, welche Bedeutung eine solche a-personale Erfahrung für die Therapie haben könnte, und in welcher Form sie sich auf das Verhalten der betreffenden Person im täglichen Leben auswirken wird. Für den Analysanden gab es keinen Zweifel:
"Auch weiterhin konnte ich im täglichen Leben feststellen: Wie ich auch sagen mochte, stets hatte es Transzendenz, simple und echte Realität, die es sogar heute noch für ich hat und auch morgen noch haben wird. Ich reagierte auf die Dinge anders als sonst, mehr...emotional? Nein, rein sensitiv. Ich äußerte mich nicht mehr so vage, sondern präzise, und traf weise Entscheidungen."

Diese erste Resonanz nach der Sitzung darf als Übertragung archtypischer Wahrnehmungsweise ins tägliche Leben verstanden werden - nicht als Halluzinieren im buchstäblichen Sinn, sondern als Umkehrung dieses Prozesses: Alltägliche Worte und Handlungen erhalten eine universalere Bedeutung. Selbst nach fünf Monaten hatte der Analysand noch deutlich das Empfinden, als urteile er nicht nur in ästhetischen, sondern auch in alltäglicheren und persönlichen Angelegenheiten "ganzheitlicher" als zuvor.
Darüber hinaus hatte sich die Sitzung auch auf seine Gemütsverfassung ausgewirkt, die er als "spirituell gelassen" registrierte. Sonst hatte er sich stets zeitlich bedrängt gefühlt und war ängstlich auf richtige Einteilung seiner Zeit und Mühe bedacht gewesen ;jetzt ist von einem "Gefühl tiefen Friedens" die Rede "angesichts der Gewissheit, dass die ganze Welt, deren Teil aber auch Beobachter ich bin, experientiell in mir ist und nicht etwas räumlich Getrenntes oder Rätselhaftes".
Im Gefolge seiner vertieften Introspektion, die sich in vermehrter Empathie auswirkte, änderten sich auch seine Umweltbeziehungen, Vier Monate nach der Sitzung heißt es bei ihm:
"Ich sah, dass ich aus vielen Teilen bestand, und zu jedem gehörte ein kleines Ganzes. Und ich sah, dass es bei den anderen ebenso war. In jenen Tagen war mein Kontakt zu andere Menschen dermaßen intensiv! In der Einstellung anderer zu dem, was sie interessierte, erkannte ich die eigene wieder. Ich identifizierte mich nicht restlos mit ihr, doch ich verstand sie von meinem Innern her."
Ich habe nicht erlebt, dass seine Erfahrung archetypischen Inhalts notwendigerweise gerade diese Konsequenzen nach sich ziehen muß. Sowohl Ibogaine als auch Harmalin können mythenhafte, traumartige Sequenzen auslösen, die mit geringer emotioneller Beteiligung kontempliert werden, und dabei kommt nicht viel mehr heraus, als hätte man dem Patienten den Inhalt als Film vorgeführt. Indes unterschied sich die eben beschriebene Erfahrung von einer passiven Filmrezeption insofern, als der Analysand an den verschiedenen Szenen lebhaften Anteil nahm. Er nahm das Licht wahr, er war es , der sich in Tiere oder Apparaturen verwandelte, und während er sich auf den runden Deckel setzte und ihn zu öffenen versuchte, presste er auch in Wirklichkeit seine Hände auf den Boden. Er erfuhr sich nicht nur als Agierender, sondern auch als Reagierender.
Wie der Genuß eines Kunstwerks nicht nur auf sinnlicher Wahrnehmung beruht, sondern auch ein gewisses Maß an Einfühlung voraussetzt, und ein Roman für uns belanglos wäre, könnten wir uns nicht in seine Charaktere hineinversetzten oder sie als Agierende auf unserer inneren Bühne sehen, so ist es auch mit der Produktion von Wachträumen. Ob sie einer Person ganz uninteressant oder als sinnloses Hirngespinst erscheinen, wird ganz allgemein von ihrem Verhältnis zum eigenen Unterbewusstsein abhängen wie auch vom Vorgehen des Therapeuten während der Sitzung. Doch bin ich der Meinung, dass der Analysand auch hier zu gewissem Grade pharmakologisch gesteuert werden kann: Diesen Punkt, nämlich die Frage der Kombination von Ibogain mit gefühlssteigernden Drogen, werde ich später erörtern.
Im Kommentar des Patienten heißt es weiter, die Sitzung sei in Anbetracht seiner romantischen Erwartungen für ihn überraschend verlaufen: Statt der Erfahrung der Integration in die "kosmische Ordnugn oder die Rasse" oder des "Einfachen, Ursprünglichen, Elementaren und Tellurischen", kurz des Mysteriums, mit der er gerechnet hatte, habe er "eine eigene Welt" angetroffen.
"die zu gewissem Grade mit meinen gesamten Lebenserfahrungen koinzidieren mag, die freilich nicht so zahlreich sind, wie mir lieb gewesen wäre, doch immerhin meine sind. Ja. Es war eine Mischung aus Ernüchterung und Wunder. Ein Wunder. Die blaue Blume, die blüht bei dir in deinem Haus."
Dies halte ich für eine signifikante Aussage, da sie uns etwas über eine Erfahrung berichtet, die buchstäblich keinerlei personalen Inhalt hatte. Diese Feststellung steht nun scheinbar zu der des Patienten im Widerspruch, der ja für sich in Anspruch nahm, den Reichtum seiner eigenen Welt entdeckt zu haben. Wir dürfen es anders ausdrücken und sagen, das einzige personale Element war die Erfahrung seiner selbst als dem Sammelbecken all seiner Gefühle und als Urheber seiner Vorstellung und damit auch seines Handelns. Doch waren es nicht die Empfindungen, Vorstellungen und Handlungen seines bewussten Lebens. Dem Beobachter wären seine Bewegungen eher ritualisiert vorgekommen denn als praxisbezogen, und ebenso bewegten sich seine Empfindungen im Bereich des Religiösen oder Ästhetischen und sein Imaginieren sich im Bereich des Mythischen, nicht des Persönlichen, und während diese Erfahrung zu jener Zeit von besonderem innerem Wert für ihn war, hatte sie eine Steigerung der ästhetischen, religiösen und mythischen Obertöne in der Realität des Alltäglichen, kurz, vermehrte Inspiration im Gefolge, was ihm ein Gefühl tiefster Befriedigung gewährte.
Erst gegen Ende der Sitzung, während der letzten oben zitierten Sequenz, wird der Konflikt sichtbar, und hinter dem Schleier der symbolischen Mordszene vermögen wir etwas von seiner persönlichen Wirklichkeit zu spüren. Daß sie die letzte Episode des Traumgeschehens war, lässt darauf schließen, dass noch mehr persönliches und psychopathologisches Material hätte zutage gefördert werden können, aber leider verdrängt wurde; und von diesem wissen wir nichts. Ich aber weiß - aus anderen Fällen - , dass eine visionäre Erfahrung nicht notwendigerweise die Transzendierung eines dauernden menschlichen Konflikts einbegreifen muß. Sie kann auch lediglich erkennen lassen, dass dieser nicht aus der realen oder imaginären Situation herrührt, auf die sich die Aufmerksamkeit des Probanden richtet.
Ich denke, es könnte in diesem Zusammenhang dienlich sein, die visuelle Erfahrung nicht nur auf ihre Qualität, sondern auch auf ihre Vollständigkeit hin zu untersuchen. Außer den von mir erwähnten archetypischen visuellen Erfarungen, die insofern nicht vollkommen gelungen waren, weil der Patient sich von den (symbolischen) Vorgängen nicht betroffen fühlte, gibt es auch andere, bei denen das motorische Element mit nur geringen ideativen Beimengungen dominiert, oder - bei Anwendung zusätzlicher Drogen - die Empfindungen nicht mit der Handlung oder deren Deutung zusammenhängen. Nach meiner Meinung bestand die Unvollkommenheit in diesem Fall in mangelnder Bezugsfähigkeit. Der extrovertierte Patient unseres vorigen Beispiels erlebte Erfüllung im Umgang mit anderen Menschen ( sogar schon bein Betrachte von Fotos) und Gegenständen, der introvertierte Patient unseres letzten Beispiels hingegen brachte sich selbst am besten in Imagination und Bewegung zum Ausdruck und nicht in der Wahrnehmung der Außenwelt oder im Umgang mit ihr. Und selbst in seiner Imagination überwiegen Elemente, Objekte und Tiere und nicht menschliche Wesen. Treten andere Personen ( im Zitat ausgelassene) auf, erscheinen sie vage, fremd, halbmythisch und haben praktisch keinen Zusammenhang mit dem Traumgeschehen, ausgenommen am Schluß bei der Erdolchung der Mumie. Von nachträglichem Zorn und Schuldgefühlen abgesehen, fehlt in diesem Fall jede zwischenmenschliche Beziehung, wohingegen bei einer gelungenen visionären Erfahrung intensive Liebes-, Schönheits- und Glücksgefühle empfunden werden.
Damals besaß ich in der Anwendung von Ibogain noch nicht die genügende Erfahrung, um selbst initiativ zu werden und den Patienten zur Beziehungsherstellung zu ermutigen um die (vermutlich) gemiedenen psychopathologischen Probleme and Licht zu bringen. Später habe ich das jedoch stets in der Praxis getan, und meiner Ansicht nach kann die Aufdeckung des Konflikts nicht nur einen dauernden Wandel herbeiführen, sondern braucht auch in keiner Weise von der visionären Erfahrung abzulenken.

Im nächsten Beispiel werden wir sehen, wie ein Zustand subjektiven Glücksgefühls und relativer Integration durch Ablenkung der Aufmerksamkeit - auf eine Konfliktsituation - unterbrochen werden kann; der Patient wird mit schmerzlichen Erlebnissen konfrontiert, was noch nachdrücklicher fortgesetzt wird, nachdem das Problem erfolgreich ausgelebt wurde.
Es entstammt der Niederschrift einer dreiundzwanzigjährigen Frau von anscheinend mildem, verhaltenem, aber unselbständigem Wesen, die mich einesteils auf Wunsch ihres Mannes, zum anderen in der eigenen Hoffnung konsultierte, ihre Gefühle und Gedanken besser äußern zu lernen. Es war ihr bewusst geworden, dass ihre ehelichen Nöte zum Teil ihren Kommunikationsschwierigkeiten zuzuschreiben waren. Gesprächen mit ihrem Ehemann konnte ich entnehmen, dass ihr Zusammenleben eine Quelle ständige Frustration gewesen sein musste. Dies ließ sie auch in zwei Gesprächen, die der Ibogain-Sitzung vorausgingen, durchblicken - nicht aus Mangel an Aufrichtigkeit, sondern, wie mir schien, in mangelndem Bewusstsein für ihre Empfindungen.
Etwa in der dritten Stunde der Sitzung gelange sie in den angenehmen Zustand des völligen Aufgehens in einer imaginierten Welt:
"Es schneite. Es war kein gewöhnlicher Schnee. Die Schneeflocken waren weit größer, so dass man ihre Kristalle sah. Sie bestanden aus sehr feinen Fasern, mit unregelmäßigen Rändern, und waren mit unzähligen Diamanten bedeckt. Sie tanzten im Spiel. Inmitten dieses Schneefestes sah ich mich selbst, nackt, eine schöne junge Frau mit weißer Haut und langem blonden Haar. Ich tanzte mit den Schneeflocken sozusagen um die Wette. Lachend rannte ich hinter ihnen her, versuchte sie zu fangen, und wenn es mir gelang, presste ich sie an mein Gesicht. Alles war überflutet mit goldenem Licht. Ich empfand ein Gefühl unendlicher Freiheit und Freude. Tiefer Friede umfing mich."
Dies Beispiel visionärer Erfahrung im Symbolbereich visueller Imagination mag hier genügen. Das dominante Gefühl wie auch der Impulsgehalt wird ( wie bei mit Ibogain herbeigeführter visionärer Erfahrung häufig) durch die Bilder von Tanz und Licht vermittelt. Die Patientin erkannte, dass sie es war, die dort tanzte, und genoß es, so voller Leben, so schön und so frei zu sein. Dann empfand sie den Drang, selbst zu tanzen und nicht lediglich den inneren Bildern zuzusehen. Doch bezeichnenderweise war sie dazu nicht fähig. Es wurde ihr schlecht, und sie legte sich wieder hin.
Aus meinen Erfahrungen mit der Droge meine ich, dass sie sich im Bereich der Aktion vornehmlich der körperlichen Bewegung auswirkt. Ein Großteil der Bilder (Tanz, Trommelschlag) lässt diesen Schluß zu, aber auch Drogenerfahrungen, die mir höchst ergiebig zu sein schienen, schlossen eine reelrechte körperliche Partizipation mit ein. (Hier wäre zu erwähnen, dass in Gabon die Tänzer vor dem Tanz Iboga-Wurzel genießen.)
Jedoch legt die rein visuelle Qualität der geschilderten Drogenerfahrung sowie das plötzliche Unwohlsein, das sich einstellte, als sie versucht, auch in Wirklichkeit zu tanzen, nahe, von einer "verkapselten" visionären Erfahrung zu sprechen, weil sie sich nur in einem einzigen Bereich auswirkt und nur durch Meidung bestimmter Empfindungen, Themen oder Bewusstseinsbereiche ertragen werden konnte. Das soll nicht heißen, dass diese Art der Erfahrung wertlos sei - im Gegenteil: Solches Ausweichen kann strategisch zur Herbeiführung visionärer Erfahrung genutzt werden und zwar mit Hilfe bestimmter Meditationstechniken, die auf Bewegungslosigkeit und Stille des Denkens abzielen, ist jedoch erst einmal diese Höhere Stufe der Empfindungen und Erkenntnisse erreicht, kommt es darauf an, sie wieder auf die Erde zu holen und ins Handeln und Leben zu übertragen, wobei die Bewältigung des Schrittes zum einfachen Körperbewusstsein und zu den Körperfunktionen ein kritischer Punkt im Prozess zu sein scheint. Mit Hilfe der Ibogain-Therapie habe ich mehrfach den Übergang in einen höheren Zustand der Integration, begleitet von einem "Erinnern" an den Körper und an seine Empfindungen, im Anschluss an eine Periode völligen Aufgehens im Traum oder an einen plötzlichen Durchbruch über die Bewegungskanäle erreicht. Und auch dieser Fall war keine Ausnahme. In der Vermutung, dass die Unvollkommenheit der Erfahrung dieser Patientin mit der Zurückhaltung ihrer Gefühle ihrem Mann gegenüber in Zusammenhang standen, forderte ich sie auf, einen Traum mit mir durchzuarbeiten, den sie allerdings am Tage zuvor gehabt hatte. Ich gebe hier die Niederschrift der Patientin wieder:
"Ich tanze mit einem gutaussehenden kräftigen Mann. Da sah ich, wie sich mein Mann in einen schlaffen, dicken Mann mit hängenden roten Backen verwandelte und weibisch dabei lachte. Ich verließ den Traum, um zu beschreiben, dass ich mich bei diesem entsetzlichen Anblick abwandte und mit meinem Partner in den Nebenraum ging. Wir tanzten miteinander, und später begleitete er ich nach Haus. An der Tür sagten wir uns Lebewohl. Als ich das Wohnzimmer betrat, fand ich meinen Mann vor, der noch genau so hässlich aussah wie zuvor. Zuerst schloß ich mein in mein Zimmer ein, doch der Arzt wies mich an, ihm die Stirn zu bieten, und ich erzählte ihm, wie hässlich und schwächlich ich ihn fand.
Plötzlich entdeckte ich mich dabei, dass ich ein Kissen aufklopfte. Das Kissen war mein Mann. Meine Hand flog nur so! Was für ein Vergnügen ich dabei empfand, ihn zu schlagen! Ich schrie ihn an, beschimpfte ihn und sagte ihm, wenn er sich nicht ändere, wolle ich ihn lieber nicht mehr sehen.
Welche Erleichterung ich nach dem Schreien empfand! Ich fühlte mich so frei danach. Ich war glücklich, weil ich wusste, dass ich das Recht hatte, mich zu verteidigen, denn ich selbst war auch etwas wert. Ich brauchte mich nicht , wie bisher auf jemanden anders zu verlassen. Es war entsetzlich, vor anderen zu kriechen. ( Ich imitierte dieses Kriechen mit den Händen.) Ich war nicht unbrauchbar, ich hatte so viel Kraft, und das Leben kam mir nicht mehr lächerlich vor: Es war ein Geschenk! (Ich dankte dem Arzt, dass er mir das zuvor gesagt hatte, er reichte mir einen Spiegel.) Ich erblickte mich selbst und sah, dass ich schön war und noch fast ein Kind. [Sie hatte mich zu Anfang der Sitzung alt und hässlich gesehen.] Ich war soeben erblüht, für die Welt, mit strahlendem Blick und frischer Haut. Der verächtliche Zug um meinen Mund war verschwunden. Mein Körper war beweglich und voller Leben. Zum ersten Mal liebte ich mich selbst."

Es sollte erwähnt werden, dass sie sich fast der gleichen Worte bediente wie vorher, als sie ihr Selbstbild beschrieb: schön, jung, frisch, voller Leben. Doch um diese Eigenschaften in Fleisch und Blut oder im Spiegel zu sehen, bedurfte es mehr als der Kontemplation ihrer essentiellen Natur. Es bedeutete das "Eingehen" in ihrem Leib, das Präsentsein bei ihrem Handeln, und dies wiederum bedeutete, dass sie den Mut haben musste, die Sklaverei durch das Diktat eines unterwürfigen Persönlichkeitsmodells abzuschütteln, nach dem sie sich ihr leibliches Leben lang ausgerichtet hatte.
Ihre Veränderungen konnte ihrem Mann und ihren nahen Freunden nicht entgehen, und selbst noch nach einem Jahr beschrieb eine ihrer Bekannten es mit den gleichen Worten: "Seit der Behandlung ist sie wie aufgeblüht". In ihrer Ehe übte sie Geduld, solange es notwendig war, - bis zur Kurierung ihres Mannes im Jahr darauf - doch nicht jene selbstverleugnende erzwingende "Geduld" der Nicht-Kommunikation, sondern eine , die auf Selbstakzeptierung und verständnisvoller Liebe beruhte.

Alle drei der geschilderten Sitzungen haben etwas gemeinsam, das man als ungewöhnlich spontanen "Selbst" - Ausdruck bezeichnen darf, der sich in Form von Handlungen, Tanz, Empfindungen, Wahrnehmungen oder Urteilen kundtat. Mit dieser Feststellung halte ich mich eng an die Beschreibung der Erfahrungen dieser Personen undihrer eigenen Anwendung des Wortes "Selbst" und verzichte auf Spekulationen darüber, was unter diesem Selbst (oder dem Uhrheber solcher Erfahrung) zu verstehen ist. Schon der Analysand unseres ersten Beispiels betonte , er habe die Bilder oder Personen mit eigenen Augen gesehen, und realisierte, dass nicht er es war, der im Alltag Dinge und Personen automatisch wahrnahm oder sich automatisch seines Körpers bediente. Auch unser zweiter Analysand verblieb unter dem Eindruck der Wahrnehmung einer eigenen Welt sowie "der Gewissheit, dass die Welt als Ganzes, deren Teil aber auch Beobachter ich bin, experientiell in mir ist und nicht etwas räumlich Getrenntes". Und auch die Frau aus dem dritten Beispiel meinte, in dem schönen Mädchen, das im Schneefall tanzte, das Bild ihres wahren Selbst zu sehen. Und sie staunte: über "die Fülle des Lebens in mir", und liebte sich selbst- mit einem natürlichen Selbstwertgefühl und nicht mit der üblichen Eigenliebe, bei der sich der Mensch in seiner Einbildung ständig vor einem Publikum bewegt.
Im Gegensatz zu diesen Fällen relativ spontaner Entfaltung des Selbst - als einem psychischen Gravitationszentrum, in dem sich das Individuum als Einheit empfindet und nicht mehr als Kampfplatz sich widerstreitender Triebe - kommt es oft vor, dass der Arzt den Patienten während der Sitzung zum Selbstausdruck erst animieren muss oder dass Selbstausdruck buchstäblich unmöglich ist, ehe nicht die divergierenden Aspekte der Persönlichkeit miteinander in Einklang gebracht werden.
Es gibt zwei nützliche Kunstgriffe, mit denen man einem Menschen zum Selbstausdruck verhelfen kann, die auch bei umfangreicheren Prozeduren dienlich sein können: Der eine besteht darin, den Patienten mit potentiell signifikanten Fotografien zu konfrontieren, der andere, Träume und Traumfolgen zu provozieren. In beiden Situationen unterscheidet sich das Ibogain in seinem Potential von anderen Drogen. Verwendet man LSD-ähnliche Halluzinogene, sieht der Patient die Fotos entweder verzerrt, wobei die Entstellungen über die Projektionen des Individuums auf die dargestellte Person Aufschluß geben. Oder aber der während der visionären Erfahrung erreichte Bewusstseinszustand kann die Beziehung des Patienten zu der kontempliertenPerson verändern (zum Beispiel: "Zum ersten Mal sah ich das wahre Wesen meiner Mutter, und nun liebe ich sie, mit ihrem schwierigen Charakter. So wie sie für ihre körperliche Beschaffenheit nichts dafür konnte, vermochte sie auch gegen ihre psychische Veranlagung nichts auszurichten, die mir so geschadet und mir so weh getan hat. Aber was ich jetzt sah, war wirklich nicht sie").
Wendet man MMDA an, verliert die Betrachtung äußerer Objekte angesichts widersprüchlicher Verfassungen, bei denen körperliche Empfindungen, Imaginationen oder intensive Gefühle dominieren und das Jetzt allumfassende Bedeutung gewinnt, an Interesse. Dennoch gereichen in der visionären Erfahrung durch MMDA sämtliche Stimuli dem Patienten zum Vorteil, als Teil des Jetzt und fördern bei der Betrachtung von Fotos auch die Möglichkeit, in neue, dem momentanen seelischen Zustand entsprechende Beziehungen zu anderen Personen zu treten. Der Unterschied zwischen LSD und MMDA besteht hier in der realistischeren Wahrnehmung der anderen Person, sowohl was die projektiven Elemente (Wahrnehmung ohne Entstellungen) als auch die Vermeidung oder Umgehung ihrer durch die Umstände bedingten Realität betrifft.
Bei Anwendung von Ibogain lässt sich die Situation eher mit der unter MMDA vergleichen, das ja , wie wir sahen, vermehrte Einsicht und emotionale Reaktionen hervorruft und gelegentlich auch durch das Wiedererleben von Kindheitsereignissen Aufschlüsse vermittelt. Ich habe festgestellt, dass unter Wirkung von Ibogain das direktive Vorgehen lieber hingenommen wird, was dem Therapeuten die Manipulierung apperzeptiver Phantome ermöglicht, und zwar immer dann, wenn die Drogenerfahrung nicht jene Sicht auf das demaskierte Selbst eröffnet, die auch das Selbst andrer hinter der Maske zu erkennen vermag.
Welche Möglichkeiten Ibogain für das Imaginieren und Träumen bietet, lässt sich aus der folgenden detaillierteren Schilderung ersehen.
Mein eigener Bericht setzt in dem Augenblick ein, in dem ich dem Patienten, einem Künstler, sechsunddreißig Jahre alt, vorschlage, einen Traum mit mir durchzuarbeiten, den er mir schon eine Woche zuvor erzählt hatte: Er saß im Hause seiner Eltern an einem Tisch und hatte das Gefühl, dass sie - hinter ihm - im Zimmer zugegen waren. Ihm war, als sei ihm etwas zwischen den Zähnen hängen geblieben, und er versuchte, es zu entfernen. Zuerst sah es aus wie weiße Fäden, doch verwandelten sie sich allmählich in kleine grünliche Wesen. In diesem Augenblick wachte er entsetzt auf.
Jetzt, in der Sitzung, versuchte ich den Traum noch einmal zu vergegenwärtigen. Dabei stellt sich heraus, dass der Traum nach dem Herausziehen der faserigen gelatineartigen Fäden zu Ende war. Dennoch wird er das Gefühl nicht los, als ob noch mehr ans Licht kommen müsste. Jetzt weise ich ihn an, sich selbst in diese Fäden zu verwandeln und den Traum aus dieser Perspektive noch einmal zu träumen. Dabei wird aus ihm ein weißer Wurm mit dunkler Behaarung. Der Wurm verwandelt sich dann wieder in einen Faden, halb ist er weiß, halb grün, dem große Füße wachsen und der sich zu einem kleinen grünlichen Nagetier entwickelt.
Von diesem Augenblick an nimmt er wieder die gleichen Bilder wahr, meint aber, sich nicht mit ihnen identifizieren zu können. Aus dem Nagetier wird jetzt erste eine Ente mit langem Schnabel, dann ein Reiher. "Seien Sie dieser Reiher", mische ich mich ein. "Fühlen Sie, was er fühlt."

"Ich gehe in den Vogel hinein", meldet er. "Ich sehe Flügel zu Seiten des Kopfes, der nun der meine wird; ich beginne über das weite ruhige Meer zu fliegen. Der Himmel ist wolkenlos, von reinem Blau, und die Sonne wirft am Horizont entlang ein weißes Licht."

Diese traumartige Sequenz dauert noch an. Er geht durch die Sonne hindurch und trifft jenseits auf einen riesigen weißen Raum. And diesem Punkt schlage ich vor, zum ursprünglichen Traumzurückzukehren.
Wiederum holt er sich Fäden aus den Zähnen. Als sie grün werden, beginnt eine weiße Flüssigkeit aus seinem Mund zu strömen und schwemmt die kleinen Tiere fort. Er ist überrascht, dass es nur wenige sind und dass sie harmlos zu sein scheinen; er meint, dass es noch mehr sein müssten.
Jetzt öffnet der Patient den Mund, weiter und weiter, richtet sich allmählich immer mehr auf und streckt Arme und Hände aus, als wollte er etwas umschließen. Hierüber schreibt er später Folgendes:

"Die hervorstürzende Flüssigkeit macht die Hand naß, mit der ich die kleinen Wesen aus meinem Mund herauszuholen versuche. Nun streckte ich die Hand aus, sie wird aber immer noch naß. Die Flüssigkeit wird weißer und strömt immer üppiger. Ich richte mich auf und öffne meinen Mund, weiter und weiter. Die milchige Sturzflut hat enorme Kraft und einen starken Druck. Ich halte meine Hände hinein, um sie zu waschen."

Da er bereits im Zustand er Drogentrance von dieser Waschung gesprochen hatte, stellt sich bei mir die assoziative Verbindung zu der Sage von Reinigung des Augiasstalles durch Herkules mit den Wassern des Alphios und Peneios ein, weil sie symbolisch den gleichen Prozeß beinhalten mag.
"Jetzt wollen wir den Jakob waschen", forderte ich ihn auf. In diesem Moment erblickte er einen nackten Leib, dessen Kopf er aber nicht sehen konnte. Er spie den Strom milchiger Flüssigkeit gegen diese Gestalt; der Strom durch drang sie und wusch Brustkorb und Unterleib rein. Als er den Strom dorthin richtete, wo der Kopf sein musste, entdeckte er zu seiner Überraschung nicht den eigenen Kopf, sondern den seiner Mutter. Kurz, es stellte sich heraus, dass dieses Gesicht eine Maske war, die er entfernen musste, um das wahre Gesicht seiner Mutter erblicken zu können. Während er die Waschung fortsetzte, öffnete seine Mutter die Augen und erhob sich von der Erde und schwebte höher und höher in einen leuchtenden Raum hinauf. "Dies kam mir sehr seltsam vor, da ich nicht an einen Himmel glaubte, in den man aufsteigen kann", schrieb der Patient später.
In diesem Augenblick seiner visionären Erfahrung bemerket er zwischen dem Bereich, in dem sich seine Mutter befand, und der Erde, auf der er stand, eine schräge, transparente bräunlich-gelbe Ebene, die ihm mit viszeralem Leben erfüllt schien und sich langsam in eine Himmelskugel verwandelte. Auf ihrer oberen Rundung bildete sich ein Thron heraus, auf dem der Besitzer der Erde saß. Er war von dominierendem Wesen. Der Patient schritt auf ihn zu und verwandelte sich in ihn. Hier hörte die Traumsequenz auf. Es schien uns ein logisches Ende. Dennoch fehlte etwas, nämlich ein Gefühleserlebnis, das dem expliziten Inhalt dieser Schau entsprochen hätte. Und der Patient vermerkte auch später in seiner Niederschrift, dass er tatsächlich zu seiner Überraschung weder Freude noch Trauer verspürt habe.
Wie wir sehen werden, durchlief der Analysand diese Traumsequenz vier Stunden später noch einmal, diesmal mit anderem Ausklang. Der Erfolg dieses zweiten Versuchs war den Einsichten du Empfindungen zu verdanken, die eine vorangegangene Kontemplation von Familienfotos ausgelöst hatte.
Beim Betrachten von Jugendfotos seiner Eltern fiel ihm eines besonders auf: ein Foto seiner Eltern nach mehreren gemeinsamen Ehejahren.

"Wie haben sie sich verändert!" schrieb er später. "Aus Mutter ist ein leidendes, gequältes Wesen geworden. Beide scheinen in sich gekehrt, beide sehen sehr traurig aus. Vater ist angespannt, presst die Lippen zusammen. Seine Nase lässt auf Heftigkeit, Dickköpfigkeit und Reizbarkeit schließen. Was für ein Unterschied im Vergleich zu seinem leuchtenden Blick auf dem Foto von 1910!"

Nachdem er den Ausdruck seiner Eltern beschrieben hatte, forderte ich ihn auf, sie miteinander sprechen zu lassen. Dies fiel mir sehr schwer, da er das Gefühl hatte, seine Mutter werde ihn rügen, weil er einem Fremden Einblick in seine Angelegenheiten gewährte. Dennoch sagte "Mutter" schließlich:

"Ich weiß, dass es eine Konvenienzehe ist, dennoch, warum bist du mir gegenüber so heftig? Warum schreist du so und warum beleidigst du mich?"
"Das muß ich tun, weil ich sehr schwach bin", sagte "Vater".

Der Patient realisierte jetzt, wie fremd seine Eltern einander waren und wie erstarrt. "So sahen sie unter LSD-Wirkung nicht aus", bemerket er. "Sie wirken eher wie Statuen und nicht wie menschliche Wesen."
"Vielleicht haben Sie Ihre Eltern verherrlicht?" sagte ich.
"In diesem Augenblick", schrieb er nachher, "war ich von jener charakteristischen Klarheit erfüllt. Ich hatte den tiefsten Grund erreicht. Und ich sah, dass ich meinen Eltern noch immer Denkmäler errichtete."

Wir setzten den Dialog der Eltern fort.
Die Mutter sagte: "Warum bist du so gemein zu mir gewesen? Kannst du mich denn nicht wenigstens ein bisschen lieben?"
Der Vater antwortete: "Ich kann keine Liebe aufbringen, da ich mich aus deiner Welt, von deinen Freunden ausgeschlossen fühle."

Und nun gelangte der Analysand zu einer weiteren Einsicht: Es wurde ihm klar, dass er es selbst war, der hier sprach, und zwar zu seiner Geliebten. Von mir animiert, ihre Anwesenheit zu imaginieren und frei heraus mit ihr zu reden, sagte er: "Du bist eine Hure, eine Fremde. Ich mag dich nicht lieben, weil du für jeden zu haben bist."

Als ich ihn darauf aufmerksam machte, dass er immer noch von ihr spräche und nicht mit ihr, erkannte er, dass er dazu nicht in der Lage war. "Sie wird mich fressen," sagte er , und dabei ging ihm auf, dass er deshalb von so vielen kleinen Wesen geträumt hatte, weil sie in Wirklichkeit riesige Ungeheuer waren ,die Kinder fraßen, zumal einsame Kinder.
"Demzufolge", bemerkte er, "muß jede Frau, die anders ist als die eigene Mutter ( die ein "reines Wesen" darstellt), ein Monster sein, dem man besser nicht zu nahe kommt, da es den "Jungen" sonst fressen könnte. Ich weiß nicht , wie es mir gelungen ist, nicht impotent oder homosexuell zu werden."

Vermutlich gewann diese Erkenntnis für den Patienten an Bedeutung, als er sich wieder seiner Traumerfahrung zuwandte. Er stand immer och unter dem Eindruck, dass bei der vorigen Betrachtung etwas gefehlt habe.
Hier folgt die Wiedergabe der neuen Sequenz in den Worten des Patienten:

"Alles verlief wieder so wie im ersten Teil: Fäden, grünliche Geschöpfe, die Ratte, der Vogel, die Waschung des Leibes von Jakob, die Waschung des Gesichts meiner mutter, deren Augen geschlossen sind, mit dem milchigen Strom. Ich bin mir bewusst, dass sich hier um einen sexuellen Vorgang handelt. Ich fahre fort, ihr Gesicht zu waschen und bleibe bei ihr, bis sie aufsteigt in die Höhen. Nun wende ich mich dem Mann im Schatten zu , der bedrohlich dominierend auf seinem Thron sitzt. Ich fliege hin zu ihm, um zu sehen, was er mit mir machen wird. Denn mir wird klar, dass nicht ich dieser Mann bin. Als ich mich seiner verschatteten Höhle nähere, sehe ich, dass er die Backen aufbläst und das Gesicht verzerrt, als wollte er mich erschrecken und verscheuchen. Er bewegt seine Arme wie ein Gorilla. Und plötzlich geht mir auf, dass dies men entstellter, zahnloser alter Vater ist. Und als ich mich ihm weiter nähere, sehe ich, dass dieses Gesicht nur noch aus Knochen besteht, alles Fleisch ist dahin.
Ich fliege näher und näher, bis ich das große Denkmal erreiche. Ich fliege durch eine der Augenhöhlen hindurch ( es zeigt sich, dass Ganze aus einer kompakten Masse besteht) und komme auf der anderen Seite wieder heraus. Ich blicke zurück und erkenne, dass dieses Denkmal innen hohl und nichts als eine leer Fassade ist. Jetzt verschwindet diese Ruine, nur der Sitz ist noch da. Ich begreife, dies ist der leere Platz, den Vater hinterlassen hat, und so nehme ich ihn ein. Ich bin nicht der Besitzer der Welt, doch ich habe den Platz meines Vaters eingenommen. Und ich erkenne, dass man die Welt besitzt, wenn man ein Vater ist. Eine Woge von Lachen und Weinen lässt mich erzittern. Ich lache und weine lange Zeit. Ich fühle mich von einer großen Unruhe befreit. Ich war selig. Später fragte ich mich: Welchen Platz kann mein Vater mir hinterlassen haben? Was war es, das ich an ihm bewunderte? Und mir fiel ein, dass er auf dem Gebiet der Pelzherstellung eine Kapazität gewewn war, ein Meister seines Faches. Das hatte ich immer respektiert. Ich fühlte mich erleichtert und musste daran denken, ob ich wohl auf dem Gebiet der Bildhauerei die gleiche Vollkommenheit erreichen würde, und dass die Skulptur selbst, auf einer anderen Eben eine Art Erbe meines Vaters sei.
Jetzt durfte ich meine Augen öffnen und mich von meinem Bett erheben. Jetzt habe ich meinen Platz. Niemand kann mich ausschließen, nirgendwo. Ich kann meine Ängste besiegen, ich kann sie durchstehen.
Ich habe meinen Platz.
Ich brauche noch nicht einmal zu gehen oder zu kommen zu vergessen oder Ghetto zu verriegeln. Ich habe meinen Platz, drinnen, draußen, neben wem ich immer mag.
Ich brauche um nichts zu bitten, den ich habe einen Platz. Ich brauche nicht zu kommen und zu gehen, zu fliehen , zu entkommen, da ich meinen Platz habe.
Alles ist Teil von mir. Ich bin. Nicht, dass ich bildhauern müsste. Ich werde meine Arbeit tun, wo immer und was immer es auch sei, denn da sie ein ? Teil von mir ist, werde ich nicht symbiotisch an sie gebunden sein. Weder X noch Y werden mich an sich ziehen, da ich dort bin wo ich wirklich bin.
Ich brauche nicht mehr zu fliehen, vor nichts, sei es angenehm oder unangenehm, verhasst oder schrecklich, wie auch immer, wie auch immer, Ich habe ja stets die Möglichkeit, jenseits zu gehen, ins ewig Gültige - das heißt nach innen.
Ich genieße es, wie es in mir widerhallt: Ich habe meinen Platz ich habe meinen Platz ich habe meinen Platz."

Der therapeutische Gewinn der Sitzung für den Patienten geht aus seinen Worten nur zu deutlich hervor. Bleibt mir nur noch hinzuzufügen, dass er von Dauer war.
Auch in dieser Sitzung zeigten sich einige Elemente, die wir schon früher in diesem Kapitel als für Ibogain typisch erwähnten: Tiere (menschenfressende Ungeheuer oder der gorillahafte Vater), als Symbol des Trieblebens, Imaginationen sexuellen Gehalts ( die "Waschung" der Mutter), der Flug zum Licht (der Vogel, der sich dem weißen Sonnenlicht nähert und er Aufstieg der Mutter in ein Lichtreich), Gefühle von Groll, Einsamkeit, Ausgeschlossensein ("Ich fühle mich ausgeschlossen aus der Welt", "du bist eine Hure, eine Fremde") und vor allem der ödipale Komplex, in den sexuelle und aggressive Tendenzen eingebettet sind.
Vergleichen wir den ersten, von ihm als unvollständig empfundenen Traum des Patienten mit dem zweiten, der in Freudentränen über seine "Ankunft" endete, erkennen wir, dass der erste sozusagen eine Art Blaupause für den zweiten, für das Gebäude selbst war - ein zweidimensionaler Vorgang im Vergleich zu einem dreidimensionalen. Im ersten wird die Frage seines Verhältnisses zu seiner Mutter sowie die Stellvertretung des Vaters angeschnitten, seine eigenen Lebensfragen jedoch nur zum Teil, auf die Herausforderung wird noch nicht reagiert. Anders als die relativ indifferenten Imaginationen des ersten sind die des zweiten Traums mit Triebsymbolik befrachtet, für die er sich verantworten muß, indem er die sich entfaltende Szene zum Ergebnis einer echten Entscheidung macht: es liegt bei ihm. Die wichtigsten Unterschiede zwischen den beiden Traumszenen bestehen im Gewahrwerden des sexuellen Elements bei der Gehsichtswaschung der Mutter sowie in der drohenden Haltung des Vaters, als er sich ihm näherte, und der er trotzt.
Wir dürfen meiner Ansicht nach davon ausgehen, dass di eUnterschiedlichkeit der beiden Versuche der Betrachtung der Fotos zu verdanken war, da dem Patienten hierbei die dominanten Gefühle des Traums bewusst wurden, die dann real empfunden werden konnten. Hier erfolgte auch der erste Hinweis auf die angebliche Brutalität seines Vaters, zunächst wie sie von der Mutter (als Opfer) erlebt wurde, und dann aus väterlicher Sicht (Feindseligkeit) aufgrund von Zurückhaltung).
Nachdem dadurch sein eigenes Gefühl der Zurückweisung aktiviert worden war und er in seines Vaters Verlangen nach der Liebe seiner Mutter sein eigenes Liebesverlangen wiedererkannt und auch seiner Aggressivität ein wenig Luft geschafft hatte, war er nun reif für diese Symbolhandlung, die bedeutete und zugleich bezeugte, dass er die Realität seines Trieblebens nunmehr hinzunehmen vermochte. Mit ihrer Hilfe hob er buchstäblich den Verdrängungsprozeß auf, den er sich von Kindheit an mit seiner Elternverherrlichung auferlegt hatte. Nun ist er nicht mehr in einen "Vater" und eine "Mutter", in einander widerstreitende Persönlichkeiten gespalten. Vielmehr bejaht er nun sein Bestreben, ein Mann zu sein, und sieht sich in der Außenwelt als ein Vater mit Frau und Kind.
Rückblickend ist zu ersehen, dass er sich in seiner vorherigen Selbstverneinung mit einem parasitären, den Mann(Vater und Sohn) "ausschließenden" Mutterbild identifiziert hatte, anstatt der zu sein, der er war, und von innen nach außen zu leben. Die Aufdeckung der Einstellungen von "Vater" und "Mutter" bildete den Ausgangspunkt für den Prozeß des Einswerdens mit den eigenen Empfindungen, ohne Rücksicht auf die historische Realität der Elternpersonen. Aus diesem Grunde könnte man jenen ersten Prozeß einer analytischen Phase gleichsetzen, welche die in der Traumsequenz erreichte Synthese erst möglich machte.
Wie bereits gesagt, ist die Ibogain-Therapie besonders geeignet für die Erforschung der Vergangenheit, im Gegensatz zu MMDA, das besonders der Erhellung des Gegenwartssituation dienlich ist. Dies trifft in so starkem Maße zu, dass man zu sagen versucht ist: Wenn das Motto "Ich und Du, Hier und Jetzt" eine komprimierte Beschreibung der Gestalt-Therapie MMDA beinhaltet, müsste es bei der Anwendung von Ibogaine heißen: "Er und Sie, Dort und Einst". Aus welchem Grund ist unschwer zu verstehen: Die Wirkung von MMDA spielt sich überwiegend im Gefühlsbereich ab, die Wirkung von Ibogain vorwiegend im Symbolbereich, und nur mit Hilfe von - begrifflichen oder visuellen - Symbolen vermag man sich mit Realitäten auseinanderzusetzen, die nicht gegenwärtig sind.
Auch zwischen dem Bereich vergangener Erfahrung, zu dem MDA uns den Zugang erleichtert , und jenem und jenem, den wir mit Hilfe von Ibogaine aufzudecken vermögen, ist der Unterschied groß. Während es bei Anwendung von MDA um ein Erinnern an Vorgänge geht und bestenfalls auch um Reaktionen und Gefühle bei der Konfrontation mit ihnen, bewegt sich die Person bei Ibogain- Anwendung in einer Welt der Phantasien., unter Ibogain evozierte Elternbilder entsprechen vermutlich dem Bild, das sich das Kind von seinen Eltern machte, und das noch im Unterbewusstsein des Erwachsenen schlummert, aber nicht notwendigerweise der Realität entsprechen muß. Im Lauf des therapeutischen Prozesses mit Ibogain werden solche Konstruktionen als das erkannt, was sie sind, und Befreiung tritt ein. Dagegen bei der MDA - Therapie will es scheinen, dass die Konfrontation im Reminiszieren der wahren Vorgänge besteht, was implizite der Macht der Zerrbilder entgegenwirkt, die ja auf der Leugnung einer Realität beruht, mit der das Kind seinerzeit nicht fertig zu werden vermochte.
"Die Dinge so sehen , wie sie sind" und nicht von Einbildung oder Vorurteil gefärbt, so könnte man nennen, was im Augenblick der visionären Erfahrung unter LSD geschieht. Doch gilt dies meist für die Gegenwart, und erneut bezieht der schlafende Drache der Phantasie seinen Posten als Hüter des Pfades. Eine LSD-Erfahrung dieser Art hatte der Patient unseres letzten Beispiels ( für Ibogain - Anwendung) acht Monate vorher durchlebt, und so dürften einige seiner Überlegungen in bezug auf den Unterschied zwischen beiden Drogen von Interesse sein, da sie die Natur des oben beschriebenen Prozesses besser verdeutlichen. In Bezug auf LSD meint er:

"Ich hatte die Gewissheit, erstmals die Welt so zu sehen , wie sie ist, wie sie war und wie sie sein wird, ungeachtet meiner selbst. Alles trat bis in die kleinsten Einzelheiten so deutlich hervor und bildete den harmonischen und fasslichen Teil eines Ganzen. Ich nahm es in mich auf wie ein Paradies, das ich, wie ich begriff, im Labyrinth meines eigenen Nichtseins verloren hatte. Zum ersten Mal sah ich meine Eltern, wie sie wirklich waren, jenseits ihrer eigenen Mythen. Ich sah sie traurig, geschlagen, verlasse in ihrer Verfeindung. Mit LSD war es ein visionäres Starren bei weit geöffneten Augen, ein Staunen über den ersten Blick auf die Welt, bloßgelegt, nicht mehr abgeschirmt von einer Wand von Angst.
Ich sehnte mich danach, in diese Welt zurückzugelangen, denn intuitiv spürte ich, dass dort meine Glückseligkeit lag. Ich erkannte, dass ich sie nur dann erlangen würde, wenn ich ernsthaft an mir arbeitete, ohne Furcht und ohne Versteckspiel. Ibogain hingegen brachte mich dazu, mich selbst zu besehen, mein Inneres, bei geschlossenen Augen, ein unaufhörlicher Strom von Bildern, auf einen dreidimensionalen Schirm projiziert, zwang mich, den Monstern in meinem Inneren entgegenzutreten, ihnen die Stirn zu bieten, trotz meiner Ängste bis zum Ende durch zuhalten, ohne jene in Träumen so häufigen Unterbrechungen, und mich nach jenseits jener fingierten illusorischen Gefahren durchzukämpfen, die ich mir selbst in den Weg gelegt hatte.
Mit Ibogain sah ich, im Gegensatz zu LSD, meine Eltern, die Zentralgestalten meiner phantasmagorischen Szene, nach dem Bilde, das sie in meiner Innenwelt einnahmen: imposante Monumente, die mir das gesamte Blickfeld verstellten. Ibogain ermöglichte mir, diese Riesen - sie waren Legende - als solche zu erkennen; es führte mich auf ein Feld, wo ich offen gegen sie ankämpfen konnte. Un dich kämpfte in der Tat, und es wurde mir klar, dass der Wege zur Freiheit allein durch die Trümmer der inneren Ängste führt."

Ein Aspekt diese Zitats besteht in dem Glauben des Patienten, die LSD- Erfahrung hab eihm das Ziel gewiesen und damit den Antrieb gegeben, sich zur Erreichung dieses Ziels durch die Ibogain - Erfahrung hindurch zu kämpfen. LSD ist wie ein Blick aus einem Fenster, das ins Freie führt, Ibogaine dagegen eine Gelegenheit, das alte Gebäude einzureißen, um für ein neues Platz zu schaffen. Es kann als "Arbeitsdroge" in dem Sinn bezeichnet werden, dass es die Analysierung unbewusster Lebenshindernisse erleichtert.
Ich finde, dieser Patient hat den Unterschied zwischen der Objektivität der "Dinge, so wie sie sind" und der subjektiv gefärbten Erfahrung recht gut getroffen. Natürlich vermögen wir die Dinge nicht so wahrzunehmen "wie sie sind", da der Grad unserer Bewusstheit von unserer Erfahrungsbreite abhängt. Doch verdeutlicht seine Formulierung den Gegensatz zweier Erfahrungsweisen: Bei der einen leert sich der Geist sozusagen von allen gewohnten Vorstellungen und erfasst die Realität, "wie sie ist"; bei der anderen wird die Außenwelt zum Spiegel individueller Erwartungen, Hoffnungen und Sehnsüchte. Was davon wir nun als "Realität" anerkennen wollen - die Dinge da draußen, so weit wie möglich von der Sicht unseres eigenen Seins befreit, oder die unserer eigenen Konstruktion - ist Neigungssache. Die "konkrete" Welt mag uns substantieller erscheinen als die phantomare Welt der inneren Bilder, dennoch ist sie nicht unsere. Und sind wir im Zustand des Nicht-Seins, ist er doch ein Zustand empfänglicher inneren Leere.
Ein entscheidender Schritt des Patienten war bei der Ausbreitung seiner Drogenerfahrung der stillschweigende Entschluss, zu der drohenden Vaterfigur hin zu fliegen. So vermochte er seinen "inneren" Vater, seine eigene männliche Komponente zu entdecken, Das Gefühl der Bedrohung, die diese Imagination verrät, zeugt vom Bestehen einer inneren Barriere, die dem geistigen Vermögen des Patienten durch Veranlagung gesetzt ist. Hätte er sich der Aufdeckung bestimmter Sehweisen und Gefühle nicht widersetzt, wäre ihm die psychologische Integrierung viel früher gelungen. Nicht einmal das direktive Vorgehen des Therapeuten vermag die fehlende Eigeninitiative des Patienten, den geistigen Sprung in die Gefahrenzone zu wagen, ersetzen, wenn die Barriere zu hoch ist. Die Bilder werden verblassen (wie beim nächsten Beispiel der Fall) oder an Gefühlsgehalt verlieren. Doch kann ein sanfter Anstoß von außen zumindest den Engpaß aufdecken oder sogar zur Eroberung eines Stückchens festen Boden unter den Füßen verhelfen. Dieser Anstoß mag in Richtungsweisen, Ermutigung oder Appell an die Aufmerksamkeit in einem Augenblick bestehen, da die Unerfreulichkeit der Erfahrung den Analysanden dazu veranlassen könnte, den Blick abzuwenden. Zu gewissem Grad erfolgt solch eine Hilfe schon allein durch die Anwesenheit des Therapeuten, die dem Patienten die notwendige Sicherheit verleiht, um locker zu lassen und mit gewissen Bereichen seiner Innenwelt in Kontakt zu treten. Bisweilen kann auch das aktive Interesse des Therapeuten am Erfahrungsinhalt das Desinteresse des Patienten an kritischen Punkten ausgleichen und ihn vor dem Teufelskreis der Selbstverurteilung und psychischen Lähmung bewahren. Während der Patient unseres letzten Falles fähig war, der imaginierten Gefahr zu begegnen und auch von der inneren Weisheit seines Unbewussten dazu getrieben wurde, dies ohne Anweisung zu tun, waren im nächsten Fall fortgesetzte Weisungen vonnöten, um die Patientin über längere Zeiträume hinweg zur Konfrontation zu bewegen, damit sie sich mit den bedrohlichen Erscheinungen vertraut machen konnte.

Bei dieser Ibogain -Sitzung handelte es sich um eine neununddreißigjährige Frau. Sie begann mit einem Wutausbruch der Analysandin, der sich gegen ihre Schwester richtete, die , wie sie meinte, ihr nicht vertraut, sie nicht geliebt und nicht verstanden habe. In gleicher Wut wandte sie sich (imaginierend) dann anderen Familienangehörigen und schließlich ihrem Mann zu, den sie mit erhobener Stimme zur Rede stellte. Zu guter Letzt rief sie laut: "Ich bin frei! Was für ein Gefühl der Erleichterung!" Dann folgte eine Phase des "weißen Lichts", auf die wiederum Panikstimmung folgte: Sie befand sich unter einem trommelschlagenden Negerstamm. In Wirklichkeit eine überdisziplinierte, überkultivierte Person, sah sie sich nun als Primitive mit aufgelöstem Haar und einem Rock aus Baststreifen, die ebenfalls Trommel schlug. Dann brach diese Szenen ab; sie wurde wieder von einer "Lichtszene" abgelöst:

"Ein Lichtstrahl kommt von oben. Er fällt durch das Fenster eines hohen Turms. Jenseits sehe ich den Himmel, intensiv blau, mit weißen Wolken jetzt fällt ein weiterer Lichtstrahl von einem hohen Berg herab, und während dieses goldfarbene Licht näher kommt, verschwindet das andere. Jetzt ist es ganz fort, und eine riesige rötlich-orangefarbene Sonne nähert sich mir. Sie erhellt die Wüste und auch den Raum, in dem ich bin. Nach und nach ist alles vom rötlichen Schein überflutet. Der Raum erwärmt sich und wird unerhörte schön. Die Sonne umfängt mich und verleiht mir ihr Licht und ihre Wärme. Ich habe das Gefühl, als ob ich gehe, im Zimmer auf und ab wandre, und wenn ich aufstehe, sehe ich , dass ich an einem schwarzen Ort bin - wie ein Teich mit dunklem Wasser. Aus ihm ragt nur ein ganz kleines Stück Boden hervor. Auf ihm sind der Doktor und ich.
Entsetzlich! Neben uns taucht aus dem Wasser ein grässliches Ungeheuer auf. Wie ein mitten durchgeschnittenes Krokodil. Knallgrün. Von der Seite ist sein Auge das eines bläulich schimmernden Papageis mit einem gekrümmten Schnabel. Und der Schwanz des Krokodils ist kein richtiger Krokodilschwanz, er besteht aus schwarzen Federn. Am meisten ängstigten mich seine Augen und seine Bewegungen, wenn es wie elektrisiert mal hierhin, mal dorthin flitzt. Kaum bin ich ihm entkommen, taucht es plötzlich an einer anderen Stelle auf. Ich schreie und höre den Arzt dabei sagen: "Blicken Sie ihm ins Auge. Keine Angst. Lassen Sie es auf sich zukommen." Aber meine Angst ist größer als der Wunsch, dem Arzt zu folgen, ich bringe es nicht fertig. Ich schließe die Augen und sehe es immer wieder auftauchen - hier - da - tack -tack - tack ...ich kann diese Angst nicht ertragen.
Nun bin ich in einer riesigen Höhle, in der sich zwei Pfade kreuzen. Zwei gewaltige Tiere kommen Seite an Seite daher: Sei sind von leuchtendem Blassgrün und haben etwas Pflanzenartiges, von der Form eines Kaktus. Mit körniger Haut. Widerwärtig. Ich staune, fürchte mich aber nicht. Der Arzt sagt: "Weichen Sie ihnen nicht aus." Ich betrachte sie gespannt. Eines der beiden hat einen gewaltigen Schädel, wie ein Elefant - ein bisschen komisch - , und von seiner Brust hängen verschlungene pflanzenähnliche Gebilde herab. Wenn das Tier sich bewegt, beginnen auch sie zu baumeln. Ich finde es komisch und widerlich zugleich.
"Ahmen Sie es nach. Seien Sie selbst dieses Tier", sagt der Doktor. Ich merke, dass ich dazu nicht fähig sein werde. Ich lege meine Beine aneinander und versuche es, doch es gelingt mir nicht. Ich wehre mich dagegen, ich will nicht, ich kann nicht. Ich zittere. Das ist unmöglich., ich fühle, er will, dass ich tanze. Hat er es gesagt, oder bilde ich mir das nur ein? Ich will nicht tanzen. Mir ist nicht danach. Er besteht darauf: "Seien Sie selbst dieses Zittern." Schließlich versuche ich zu gehorchen. Ich hebe die Arme und schicke mich drein, komme was wolle. Ich beginne zu zittern und fühle, dass meine beiden Arme eine Flamme bilden; sie strahlen Licht aus. Eine Energie von oben setzt sie in Bewegung, fügt sie zusammen, und nun drehen und drehen sie sich wie elektrifiziert, ich habe nicht die Macht si ezu stoppen....Meine Arme brennen. Sie sind Feuer und drehen sich weiter. Ich falle zu Boden, die Arme noch immer hoch gereckt, und nach und nach hören sie auf, sich zu drehen und fallen herab, während mich ein unendlicher Friede erfüllt. Ein süßer, stiller Friede...
Ich fühle, dass ich ohne Worte verstehe, was ich zuvor nicht wusste. Dies ist Bewusstheit. Größer und tiefer als je zuvor. Ich begreife viele unaussprechliche Dinge. Ich habe noch nicht gewusst, wie man liebt. Ich habe gelebt, ohne zu leben. Ich sehe meinen kleinen Verstand als Bruchteil meines ich bin. Verstehen, Bewusstsein - es ist ein und dasselbe. Es gibt keine Worte, nur unendliches Verstehen in jenem zeitlosen Augenblick."

Dies ist ein typisches Beispiel für die Welt des Ibogain, für ihre helle wie ihre dunkle Seite: der weise Lichtstrahl und die Hölle mit den Ungeheuern, die Sonne, der schwarze Teich und das verborgene Krokodil. Außerdem sehen wir himmlische und höllische Szenen im Wechsel: Der anfängliche Wutausbruch ( sie meinte, er sei wie eine Vulkaneruption gewesen) wird von einer lichtvollen Episode abgelöst. Freudig beginnt sie, mit den Händen auf den Fußboden zu klopfen, doch dann treten die Neger auf. Lange vermag sie die Furcht vor dem Unbekannten und Primitiven nicht zu ertragen; die Bilder verblassen, und als sie zur Ruhe kommen versucht, sieht sie Licht durch das Fenster des Turms fallen. Auf der Höhe dieser angenehmen Episode hat sie das Gefühl, dass sie umhergeht, aufsteht - dann bricht Dunkelheit herein. Diesmal nimmt der Prozeß nicht von selbst ein Ende. Sie wendet sich ab, hält nicht durch. Die Nichtvollendung der Erfahrung scheint sie zu einer anderen düstern Szene zu führen, als wäre da etwas, das sie nur im Dunkel assimilieren könne. Jetzt scheint das Schlimmste vorüber zu sein, oder aber sie ist desensitiviert gegen die Angst dank ihrer Anstrengung, sie durchzustehen. Nun kann sie diesen Monstren wenigstens ins Auge sehen und trotz ihres Widerwillens doch Gleichmut bewahren. Wieder ist es Bewegung, die sie am nachhaltigsten beeindruckt, bei den Negern wie beim Hin-und-her-Wechseln des Krokodils. ( Die Leuchtfarben der Bilder und das "Elektrisiert-Sein" verraten die gleiche Dynamik". Die visuelle Konfrontation scheint jetzt zu Ende, da sie das Untier nun detailliert zu beschreiben und das dadurch ausgelöste Unbehagen zu ertragen vermag. Jetzt geht es darum, diesem "Monstrum" den angemessenen Platz in ihrem Innern zuzuweisen, denn dieses Fabeltier kann nur aus ihrer eigenen Realität hervorgegangen sein. Interessanterweise steht Zittern hier gleichbedeutend für Tanzen. Und offensichtlich ruft der Akt des Zitterns beziehungsweise Tanzens lebhaften Wider stand bei ihr hervor. Schließlich gibt sie nach; ich sage "nachgeben", weil sie sich in diesem Augenblick nich tmehr als vorsätzlich handelnd oder ausagierend empfindet, sondern als passiv von einem regelrechten Drang bewegt. Und in dem Augenblick, da sie zu zittern beginnt, erfolgt der Übergang aus der Welt der Chimären in die des Lichts, das nun ihrem eigenen Leib entspringt.
Das Gefühl der Wut bei Einsetzen der Drogenwirkung, das sinnliche Trommeln der Primitive, das Krokodil mit seinen elektrisierten Bewegungen und das sprunghafte Ungetüm, sie alle verwiesen in den Bereich des Trieblebens, dessen Existenz die Patientin zum Nachteil der Entwicklung ihres Gefühlslebens nicht hatte wahrhaben wollen. So ist es kein Wunder, dass sie erst jetzt, nach Aufgabe ihres Widerstands einsieht, dass ihr "kleiner Verstand" nur ein Teil ihres "ich bin" ist. Das Tanzen - eine spontane Bewegung, in der sich elementare Agressivität und Sinnlichkeit verbinden und miteinander versöhnen - war ihr größter Wunsch und zugleich ihr größtes Tabu. Das Tanzen hatte sie befreit. Aber noch tanzte sie nicht. Sie erteilte sich nur den Befehl dazu in dem Glauben, der Arzt habe es ihr suggeriert, (das heißt, sie projizierte ihr uneingestandenes Verlangen als Erwartungshaltung in die Außenwelt). Diese nicht abgeschlossene Situation wiederholt sich mehrmals. Eine halbe Stunde später zum Beispiel fordere ich sie auf, noch einmal das Tier nachzuahmen, da mir scheint, dass ihr das noch nicht gelungen war, und diese Episode beschreibt sie drei Tage später wie folgt:

"Ich stehe nun auf. Der Arzt hat mich um etwas gebeten. Was war es nur? Ich soll tanzen? Zittern? Mir den Rhythmus der Neger vergegenwärtigen? Oder das Kaktus- Tier nachahmen? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht wusste ich es auch damals nicht. Aber ich sehe mich vor einer Riesentrommel stehen. Jenseits der Trommel sehe ich viele Neger sich im Rhythmus der Trommel bewegen. Sie haben dicke Lippen, weiß angestrichen, und Röcke aus weißen Streifen, die von einem roten Gürtel herabhängen. Brust und Beine sind frei. Ich schlage die Trommel mit aller Kraft, erst mit der Rechten, dann mit der Linken. In meinen Händen halte ich so etwas wie hölzerne Hämmer. Ich lasse das Trommeln und gebe den Takt mit meinem Körper an. Ich möchte tanzen. Es gelingt mir nicht recht. Ich versuche es noch einmal und kann es nicht. Dann sehe ich zwischen den Negern Marias weißes Gesicht. Sie lächelt. Ihr Ausdruck verändert sich, als ich sie ansehe, sie beginnt laut zu lachen. Sie lacht mcih aus, weil ich nicht zu tanzen verstehe. In meinem Zorn werfe ich den Hammer und töte jemanden damit, aber es ist mir gleich. Ein Kontakt ist abgerissen. Der Doktor fordert mich auf, die Szene noch einmal durchzugehen, aber ich bin dazu nicht in der Lage. Ich setze mich hin, dann lege ich mich nieder. Der Arzt spricht mit mir, doch kann ich mich nicht erinnern, was er sagte. Ich weiß nur, dass ich nicht verstehen kann. Ich kann nichts verstehen. Irgend etwas geht in mir vor.
Plötzlich werde ich mir bewusst, dass ich schon lange sexuelle Erregung empfinde. Ich spreche das aus. Der Arzt sagt: "Geben Sie dem nach. Spüren Sie es." Und dann habe ich das Gefühl, als ob mich jemand an den Beinen packt und sie bewegt, ähnlich wie die Bewegungen des Geschlechtsakts. Es kommt nicht zum Orgasmus - oder aber zu tausenden - schwer zu beschreiben. Aber es hört nicht auf. Die Erregung dauert an. Wieder sehe ich herrliche Landschaften, Sonnenuntergänge, Vegetation, das Meer, weite Wüstenbereiche und die Sonne als phantastischen Feuerball im Hintergrund. Ich sage:'Wie schön!' der Doktor hat mich gebeten, nicht zu sagen, ob etwas schön ist oder hässlich sei, sondern es nur zu beschreiben. Aber wie soll ich das fertig bringen, wenn es so schön ist? Das ungeheure Gefühl des Seins, das Gefühl, das die Vibrationen in meinem Fleisch hervorrufen. Ich möchte es tausendmal sagen: 'Ich bin, ich bin, ich bin.' Es ist Alles und es ist mehr als genug."

Noch einmal konnten wir hier das Überwechseln aus der dunklen Unterwelt der Triebe zur Schönheit unserer Erde, der Sonne, des Seins beobachten. Doch unterscheiden sich diese Episoden von den vorangegangenen insofern, als sie diesmal aktive partizipiert, sie trommelt, sie geht auf die der schar der tanzenden Neger, sie schlägt mit den Händen den Boden und schließlich möchte sie tanzen (glaubt sich nicht nur dazu angewiesen). Dann wallt tödlicher Zorn in ihr auf, worauf die Sequenz abreißt. Darüber hinaus zeigt sich ein weiteres Element, das einen Schlüssel zum Verständnis ihrer Verkrampftheit, zumal ihres inneren Widerstands gegen das Tanzen liefert: die Freundin Maria, die sie wegen ihres Unvermögens auslacht. Es ist ihr Stolz, der sie daran hindert, sich der Spontaneität der Bewegung bedingungslos hinzugeben. Die Bewegung muß, wie sie meint, nach etablierten Regeln ausgeführt werden, für improvisierte Bewegungsabläufe und Intuition bleibt kein Raum. Zu guter letzt gerät sie in sexuelle Erregung, und zwar nicht mehr symbolisch, sondern als echte Erfahrung, die sie sich nunmehr gestattet und über das Medium ihrer Physis zum Ausdruck bringt.
Interessant ist, dass die Bilder während der Phase der Willensbildung und der Integration nichts Überweltliches mehr haben, sondern eher eine Synthese aus einer dunklen, nasse Tier- und Pflanzenwelt und einer überweltlichen Lichtwelt ergeben. Auf einer ähnlichen Synthese beruht ja auch unsere normale Welt: Gott ist Licht für die Seelen, die im Dunkeln siedeln; für jene aber, die im Bereich des Tages zu Hause sind, hat er nur Menschengestalt - meinte schon Blake. Aus dem kosmischen "Ich bin" wurde hier ein irdischeres "Ich bin ich".
Unsere Patientin hat freilich nicht getanzt. Und dies lässt vermuten, dass ihre unbewussten Wünsche noch eine weiter Barriere zu überwinden hatten und der Prozeß, den wir verfolgten, noch nicht abgeschlossen gewesen sein mag. Tatsächlich stellte sie, wie es öfter bei unvollständigen Ibogain - Erfahrungen geschieht, noch lange Reminiszenzen über die Vorgänge dieser Sitzung an; sogar noch vierundzwanzig Stunden danach sah sie sporadisch einzelne Bilder: Sie sieht einen riesigen Saurier mit krokokilartiger Haut und identifizierte sich mit ihm; dann beginnt sie ihn zu beschimpfen und gellend zu schreien:
"Ich bin grauenhaft, grau, schwarz, hart!"
Ich lebe in dieser schrecklichen unterirdischen Höhle.
Ich will allein sein, allein. Ich will kein Leben um mich.
Eine Königin, mächtig in dieser Einsamkeit.
Ich bin die Königin der Finsternis
Ich biiin die Beeestie!
Ich will kreischen, brüllen, heulen, vernichten.
Ich will töten, zerbrechen, durchbohren, zerkratzen, zerschmeißen, zerschmettern, zerreißen, zerquetschen, zermalmen.
Ich bin unerbittlich!
Ich bin unerbittlich!
Ich bin unerbittlich gegen mich selbst."

Wann immer "monströse" Triebenergien unter Kontrolle gebracht werden sollen, muß zu diesem Zweck ein gleichermaßen mächtiges "Monstrum" herhalten. Und gerade diese Verdrängungsaktes muss sich die Person bewusst werden und realisieren, dass sie ihn selbst verursacht , ehe sie diese Energie umzupolen vermag. Was zuvor noch relativ sanft als verächtliches Gelächter des "Togdog" (Maria) erlebt wurde, wuchs sich nun zu einem unerbittlichen Monstrum aus, und sie wird gewahr, dass dieses auch in ihrem alltäglichen Selbst existiert.
Die Ibogain - Sitzung erbrachte, wie zu erwarte, einen bedeutenden Gewinn an Spontaneität und an Mut, ihrem Zorn Luft zu machen. Der Wandel zeigte sich nicht nur in ihren Bewegungen, die gewschmeidiger werden, sondern auch in ihrem lebhafteren, reaktivieren Gesichtsausdruck. Es war ihre dritte Sitzung gewesen, diesmal mit pharmakologischen Agenzien; bei den anderen beiden hatte ich ihr LSD-25 und MDA gegeben. Bei der LSD - Sitzung im Jahr zuvor hatte sich ihre zwar die Schönheit der Außenwelt offenbart, sich selbst aber hatte sie hässlich gesehen - eine dramatische Demonstration ihrer Selbstmissachtung wie für die noch zu leistende innere Arbeit. Sechs Monate später gab ich ihr MDA, was ihr erstmals die Erfahrung des "Ich bin Ich" vermittelte, wobei sie realisierte, dass sie bisher ihr Leben lang Meinungs - und Verhaltensklischees übernommen hatte, die zu ihren echten Gefühlen und Ansichten in Widerspruch standen. Durch die Anwendung von Ibogain wurde zum ersten Mal ihr Triebleben erfasst, und danach hatte sie sich nach eigener Ansicht und der anderen Menschen am eklatantesten verändert.
Zusammenfassend könnte man sagen, der psychologische Prozess bestand bei Ibogain in der zunehmenden Akzeptierung und Äußerung ihres Trieblebens. Was zunächst in Gestalt flüchtiger und bedrohlicher ( mit Aggressivität und Sinnlichkeit befrachteter) Bilder in ihr Bewusstsein Eingang gefunden hatte, zeichnete sich allmählich immer detaillierter ab, führte zur Kristallisation der Idee Tanz, dann zur realen Bewegung, dann zur sexuellen Erregung und machte sich schließlich in gellendem Schreien Luft. Genauer gesagt: Was da vor sich ging, war die Aufdeckung verdrängter Triebe bei gleichzeitiger Bloßlegung und Darstellung von "Phantomen", von "Introjektionen", jener Topdogs, die gleich einer Presse die Triebe niederhielten. Solche Phantome leben indes vom Blut der Unterdrückten. Genau in diesen furchterregenden Wächtern haben sich die Energien der Patientin verkapselt; und indem sie diesen Phantomen Stimme verleiht, kommen die verkapselten Energien, ihre Triebe, zu Worte - und damit sie selbst.
Angesichts unseres übergreifenden Anliegens, die psychodynamischen Abläufe zu erkennen, zu erfassen und zu interpretieren - ein Vermächtnis der Psychoanalyse - können wir, wie ich meine, den soeben beobachteten Prozess der Triebfreisetzung nicht hoch genug bewerten. Und ebenso meine ich, dass die Anwendung von Ibogain dieses Nachgeben erleichtert, was wiederum einen Lernprozess nach sich zieht und somit der Spontaneität für alle Zeiten eine breit Bahn öffnet. Man kann dies als korrektive Erfahrung auffassen insofern, als sie dem Patienten die Möglichkeit gibt zu entdecken, dass das, dem nachzugeben er sich fürchtete, in Wirklichkeit weder zu fürchten noch unakzeptabel ist.

Eines der klar umrissensten Resultate meiner Praxis mit Ibogain erreichte ich durch die Behandlung eines Mannes, der eine homosexuelle Vergangenheit hatte, sich dann verheiratete, zu seiner Frau aber keine rechte Beziehung fand und auch körperlich nicht an ihr interessiert war. Obwohl er in der Sitzung "Kastrationsängste" zeigte, bleiben sie weitgehend unanalysiert, ebenso seine hypothetische Frucht vor Frauen. Statt dessen geschah etwas anderes: Als er an einem bestimmten Punkt während der Sitzung sexuelle Erregung verspürte, ging er ins Badezimmer, weil er glaubte, masturbieren zu müssen. Doch als er dies versuchte, wurde ihm klar, dass dies lediglich ein Ersatz für Verkehr sein würde; was er brauchte, war eine Frau. Dann stellte er sich vor, dass er seine Frau in den Armen hielte. Er begann sich wie beim Geschlechtsverkehr zu bewegen- zunächst ungelenk, wie in Wirklichkeit, dann zunehmend geschmeidiger. Jetzt spürte er, dass sein Körper ausdrücklich zu diesem Zweck geschaffen war, und seine Bewegungen wurden rhythmisch und musikalisch. Dicht vor dem Orgasmus ging ihm auf, wie vollkommen der menschliche Leib geschaffen ist; er wurde deutlich der Anatomie von Mann und Frau gewahr und empfand, dass die Frau nicht lediglich ein Gefäß für den männlichen Samen sei, sondern sein ganzes Sein aufnehmen konnte. Mit seinem Samen floß und floß sein ganzes Sein in den Körper des Weibes, der ihn in dem Augenblick aufnahm in dem er den gefürchteten, dennoch lustvollen Prozess der Desintegration durchmachte.
Was sich hier abspielte, war kein physischer Orgasmus. Er selbst nannte es einen "psychologischen Orgasmus", es war nicht einmal zur Erektion gekommen. Nichtsdestoweniger empfand er hinterher vollkommene Befriedigung.
Ich habe den Vorgang hier in jedem Detail so wiedergegeben, wie der Patient ihn selbst schilderte, weil nur diese Einzelheiten die Qualität der Erfahrung vermitteln können. Die ganze Episode dauerte nicht länger als fünf Minuten im Rahmen einer sechsstündigen Sitzung, in deren Verlauf viele fragen zur Sprache kamen. Bedeutsam ist aber, dass er sich erstmals beim Geschlechtsverkehr mit seiner Frau freien Lauf gelassen hatte, wenn auch nur in seiner Vorstellung. Und wie sich erwies, war es auch nicht das letzte Mal; es war der Anfang einer sehr nahen sexuellen und emotionalen Beziehung.
Die Erfahrung des Patienten beinhaltete weit mehr, als die schlichte Geschichte von sexueller Erregung und anschließende Erlösung von Spannung zunächst erkennen lässt. Wie er sie beschrieb, hatte sie eher den Charakter des Archetypischen; sie enthüllte ihm das archaische Sexualmuster unserer menschlichen Spezies, was ihm zur Verinnerlichung der Geschlechtsbeziehung verhalf. Indem er - wie die Patientin unseres vorigen Beispiels - den Geschlechtsakt gewissermaßen ausagierte, verlieh er seinen Eingebungen Realität und beseitigte damit jene Ängste, die sein Verhalten sein Leben lang konditioniert hatten. Bei ihm scheint die Drogenerfahrung den Anstoß zu weiterer Erforschung und Entfaltung gegeben und weniger als Auslöser drastischer Veränderungen gedient zu haben. Der Patient, der weit gereist war, um mich zu konsultieren, kehrte nun in seine Heimat zurück und schrieb mir sechs Monate später:

"Ich fühle mich meiner Frau nun sehr nah. Selbst die Tatsache, dass ich ihr offen sagte, ich hätte sie früher nicht geliebt, schient uns beide einander noch näher gebracht zu haben. Dinge, die mich früher erbitterte, machen mir jetzt nicht mehr viel aus, und ich begehre sie öfter als vorher. Unsere sexuellen Beziehungen sind perfekter geworden, weil wir sie nun gemeinsam erleben. Ich füle mich freier beim Akt und empfinde weit mehr Genuß. Ich fühle mich in meiner Ehe nicht mehr als Gefangener, ich merke, dass wir vieles gemeinsam haben. Ich glaube, meine Frau jetzt besser zu kenne."

Bisher habe ich hier Prozesse spontanen Selbstausdrucks in Bild, Wort oder Tat dargestellt sowie deren Auslösung mit Hilfe gesteuerter Wachträume, durch Rekapitulierung beziehungsweise Wiederholung von Träumen, Betrachten von Fotos sowie den Umgang mit verschiedenen Materialien mit Hilfe der Konfrontation und Personifizierung. Letztere können gelegentlich (mit Ibogain oder Gestalttherapie ohne Anwendung von Drogen) zu sehr detailliertem ausagieren führen. Doch gibt es weiter Situationen, die ich hier erörtern möchte, nicht nur weil sie mir bei jeder dritten Sitzung etwa begegneten, sondern wegen ihrer besonderen Qualität und Bedeutung: das Reminiszieren und Ausagieren früher Jugenderlebnisse, das durch In-Beziehung-Setzen zur momentanen Situation oder Imagination, durch Betrachten von Fotos oder Deutung des Patientenverhaltens in Gang gebracht werden kann.

Wie erwähnt, typisch für Ibogain ist, dass es die Erinnerung an inneren Vorgänge oder Fantasien, und weniger an äußere, wie bei MDA der Fall, wachruft. Hierbei kann es sich um fixierte Vorstellungen wie zum Beispiel die Elternbilder oder um gegenwärtige Vorgänge handeln. Als Beispiel dafür kann die Geschichte einer Frau mittlerer Jahre dienen, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt der Sitzung plötzlich wieder an folgendes Erlebnis erinnerte: Ihr Vater kam mit Geschenken für die Familie nach Haus und schenkte ihren Brüdern und Schwestern alle möglichen Mitbringsel, die sie sich vorher gewünscht hatten. Sie aber hatte nur den Wunsch geäußert, seine Lieblingstochter zu sein: "Meinetwegen, Papa, solltest du kein Geld ausgeben." Und so brachte er ihr dann tatsächlich ein ziemlich wertloses Geschenk mit: eine kleine Brosche in Gestalt eines Hundes. Diese Geschichte war ihr vermutlich bewusst in Erinnerung gewesen, doch hatte sie seit ihren Kindertagen nicht mehr daran gedacht. Jetzt aber fiel ihr zu ihrer Überraschung noch etwas Anderes ein: dass sie sich aus Enttäuschung über das geringe Geschenk ausgemalt hatte, wie der kleine Hund ihrem Vater den Penis abbiss und ihn verschlang. Außerdem erinnerte sie sich, dass sie darüber heftige Gewissensbisse empfand, als sei das Eingebildete Wirklichkeit gewesen. Dieses Schuldgefühl hatte seitdem ihr Verhältnis zu ihrem Vater schwer belastet. Jene wenigen Sekunden inneren Erlebens hatten sich magisch auf ihr ganzes Leben ausgewirkt und ihrem engen Verhältnis zu ihrem Vater en Ende gesetzt. Als ich sie nun aufforderte, sie möge sich vorstellen, sie spräche jetzt zu ihrem Vater, erzählte sie ihm , was geschehen war. "Er" zeigte Verständnis, und so durfte sie sich wieder frei von Schuld fühlen. Als sie dann wirklich wieder mit ihrem Vater zusammentraf, spürte sie für ihn wieder die gleiche Liebe wie ehedem.
Diese Episode lässt sich entnehmen, dass ein seelischer Vorgang sich auf das Leben ebenso oder sogar mehr auswirken kann, als ein Faktum; doch ist sie insofern aufschlussreich, als sie dokumentiert, dass es möglich ist, sich selbst noch nach sehr langer Zeit einer Vorstellung zu erinnern, die vermutlich in dem damaligen Augenblick nicht ins Bewusstsein trat. Diese spezielle Fantasie scheint ihrem Wesen nach von gleicher Art zu sein, wie die Iboga - Imaginationen (das Tier, das die Genitalien abbeißt und verschlingt, als ödipale Situation), und desgleichen ebenso die Empfindungen ( Zorn, Groll, Frustration) , die Iboga auszulösen neigt, so dass wir sogar versucht sein können, diesen ganzen Aspekt der "Iboga-Welt" als Manifestation der Regression zu bezeichnen. Doch lasse ich diese Frage zunächst im Raum stehen.

Während die Patientin des letzten Beispiels ihre Fantasievorstellung als solche erkannte, kommt es auch vor, dass sich der Analysand weitgehend einer äußeren Wirklichkeit erinnert, von der man annehmen kann, dass sie als Pseudoerinnerung in die Vergangenheit projiziert wird, genau wie die Halluzination eine Pseudowahrnehmung der Gegenwart ist. Wann immer ich einen solchen Fall vor mir zu haben glaube, behandle ich die Erinnerung, als sei sie Imagination, und die agierenden Personen als Projektionen der Persönlichkeit. Darum fordere ich den jeweiligen Patienten auf, sich ihnen zu stellen oder sie darzustellen, bis ihre psychologische Realität sich im derzeitigen Denken der Person ermitteln lässt.
Betrachten wir einmal folgenden Ausschnitt aus einer Sitzung:
Die Patientin (eine junge Schauspielerin, die mich wegen Eheschwierigkeiten konsultierte) erzählte mir einen Traum, in dem sie zu ihrer Überraschung einen kleinen Kobold zur Welt brachte - eine kräftigen gesunden Miniaturmann. Ich bat sie, mit mir zu sprechen, als sei sie selbst dieser kleine Mann. "Er" sagte: "Nennen Sie mich Shawn. Ich bin sehr intelligent. Ich werde singen und ich werde auch tanzen. Ich wird's Ihnen zeigen, ich wird's Ihnen zeigen." Nachdem sie bei diesen Worten die Stimme des Kobolds imitiert hatte und sich sein Aussehen vor Augen hielt, ging ihr auf, dass sie stets darauf bedacht gewesen war, aller Welt zu zeigen, wie intelligent und geschickt sie sei. Dann fiel ihr auf, dass der Kobold die gleiche Figur wie ihr Mann und gleichzeitig die ihres Jugendfreundes besaß, und sie erkannte, dass sie gern deren Leben gelebt hätte, anstelle des eigenen. "Anscheinend wollte ich immer ein Junge sein", sagte sie. "Für mich selbst habe ich nie viel übrig gehabt."
Hier griff ich ein und stellte ihr die Frage, ob sie sich nicht, da der Kobold den Begriff des Fremdartigen, Ungewöhnlichen vermittle, ihren Eltern gegenüber in ähnlicher Weise fremd gefühlt habe. Das leuchtete ihr ein. Für ihre Mutter war sie ein kleines Scheusal gewesen, und so hatte sie sich immer als abartig empfunden. Teilweise war dieses Gefühl auf die Tatsche zurückzuführen, dass ihre Eltern kaum jemals zärtlich zu ihr gewesen waren, als ob sie sich davor gescheut oder nicht gewusst hätten, wie sie es anfangen sollten. Also schlug ich ihr vor, sich in ihren Zustand als kleines Baby hineinzuversetzen und sich zu vergegenwärtigen, was sie damals empfunden haben könnte. Ihre Erinnerung war recht realistisch:

"Ich ging zurück, immer weiter, bis ich etwa ein Jahr alt war und in meinem Kinderbettchen stand. Es hatte ein Gitter ringsum, und ichkannmich meiner Eltern erinnern und erlebenalles, als wäre es heute, alle Empfindungen und Bewegungen, Farben, das Tageslicht, einfach alles. Meine Eltern winkten mir zu und sagen immer "Deli Deli" zu mir. Sie rührten mich nicht an, obwohl ich mich danach sehnte. Sie betrachteten mich als eine Art Wundertier. Und nun erkenne ich , dass der Kobold in Wirklichkeit damals geboren wurde - ich war eine Art Ausstellungsstück und ken menschliches Wesen. Es scheint, dass es mir damals an Liebe fehlte. Ich war auch in jenem Kinderbett drin, es wirkte auf mich wie ein Käfig."

Man beachte das Motiv "Gefangenschaft", verbunden mit dem Gefühl der Frustration. Sie litt während sie sich in diesen Erinnerungen erging. Beständig habe sie sich krank gefühlt, anders als andere Leute; sie werde nicht geliebt. Das intensivste Gefühl von Liebesentzug empfand sie beim Gedanken an ihre Mutter. Sie erinnerte sich , wie sie in Zimmer kam, sie anschrie und mit Füßen stampfte. Während das Baby weinte und nach seiner Mutter verlangte, sagte diese nur: "Laß mich in Ruhe. Hör auf zu schreien. Ich muß jetzt den Abwasch machen!" Ich forderte sie auf, als ihre Mutter zu sprechen. Daraufhin ahmte sie deren Stimme und Tonfall nach. Hier folgt eine Passage aus der Niederschrift ihrer Erinnerungen an den weiteren Ablauf der Sitzung:

"Der Arzt sagte, ich solle meiner Mutter antworten und ihr sagen, was sie mir antat, und wie mir zumute war. Ich schrie sie genauso an, wie sie mich angeschrieen hatte. Er machte mich darauf aufmerksam und sagte, ich sole versuchen, ihr von mir aus zu antworten und meine eigenen Gefühle zu beobachten, mich um eigenen Ausdruck bemühen. Ich begann zu weinen und suchte nach meiner Stimme, doch sie versagte mir. Ich konnte mich auch selbst nicht finden. Er sagte, ich solle mir vorstellen, meine Mutter nähme mich auf und liebkose mich. Sie nahm mich hoch, doch hasste ich sie in diesem Augenblick, weil sie es nicht schon eher getan hatte. Ich wollte ihre etwas antun, um ihr zu zeigen, wie mir zumute war. Der Arzt schlug mir vor, sie zu schlagen. Ich begann auf ein Kissen einzuhämmern, aber nicht stark genug, denn ich liebte sie ja zugleich. Ich empfand Schuldgefühle, weil sie mir nicht erlaubte, ihr meine Liebe zu zeigen. Mir wurde klar, dass sie mich niemals gelehrt hatte, zärtlich zu sein. Und ebenso wurde mir klar, dass es nicht nur wichtig ist, geliebt zu werden, sonder auch wiederlieben zu dürfen. Der Arzt forderte mich daraufhin auf, sie in die Arme zu nehmen und zu herzen. Ich nahm sie in die Arme und herzte sie und fühlte mich wohler, doch war ich immer noch traurig, und ich fragte ihn, was ich gegen meine Schuldgefühle tun solle. Er antwortete: "Akzeptieren Sie sie." Ich fühlte mich noch immer elend. Ich war allein in diesem Zimmer. Ich fühlte mich innerlich elend, elend, elend. Ich hatte das Gefühle, als hätte ich ein großes schwarzes Loch in mir. Das erzählte ich ihm nicht, weil ich es für schlimm hielt. Während ich immer noch im Kinderbett saß, spürte ich Licht, das in einem deutlich sich abzeichnenden Strahl durch das Fenster ins Zimmer und auf den Fußboden fiel. Das Licht wärmte mich und erfüllte mich mit dem Gefühl der Einsamkeit. Ich spielte mit dem Licht. Es war Gott. Ich liebte das Licht und die grünen Pflanzen, die ich draußen vor dem Fenster sah. Der Tag war so strahlend und warm, und Mutter so kalt und missgestimmt. Ein oder das andere Mal fand ich im Gespräch mit meiner Mutter meine Stimme wieder. Sie hörte sich traurig an, wie die Stimme eines kleinen Mädchens, da um Liebe bat. Die einzige Linderung für mein Leid war das Licht."

Auch hier können wir beobachten, wie sich die Qualität der Erfahrung steigert, je mehr die Patientin ihren wahren Gefühlen nachzugeben vermag: Schmerz und Liebesbedürfnis, die sie Sich-Selbst (ihre eigene Stimme) finden lassen, wie auch die Tröstung durch die Helle des Lichts. Das bild des strahlenförmigen Lichts und das damit verbundene religiöse Gefühl sind anderen visionären Erfahrungen unter Ibogain so ähnlich, dass man sie kaum als echte Erinnerung betrachten kann, dennoch lässt sich nicht ganz von der Hand weisen, dass das Erlebnis des Lichts im Kind schon Entzücken hervorgerufen haben mag und insofern jener Urerfahrung entspricht, die der Vorstellung von Gott als Lichtspender zugrunde liegt.
Trotz des positiven Elements in obigem Zitat lässt sich ihm entnehmen, dass das Problem der Patientin noch ungelöst blieb. Sie wurde noch immer non ihrer Ambivalenz hin- und hergerissen weil sie nicht fähig war, von ganzem Herzen zu lieben. Doch wie im Fall ( des Patienten) Jakob, legten diese wenigen Minuten der Analyse das Fundament für die in der folgenden Stunde sich ergebende Synthese, deren Ergebnis in der merklichsten der zahlreichen Veränderungen bestand, die sie in den folgenden Monaten melden konnte. Dies lässt sich an Hand einer Tagebucheintragung würdigen, die zwei Wochen später verfasst wurde:

"Ich pflegte andere Leute zu fragen, ob sie jemals Ähnliches empfunden hatten wie ich. Ich schämte mich meiner Gefühle. Ich fragte auch meine Mutter, ob ich vielleicht eine Missgeburt sei! "Liebt mich denn keiner?" sagte ich. Warum lieben sie mich nicht? Ich liebte mich ja selbst nicht. Wo war Adele? Adele befand sich im Inneren von Adele, doch sie schlief. Jetzt ist sie am Erwachen, und es ist and der Zeit. Ich bin eine Person. Ich bin wie alle anderen. Ich habe das Leben anderer gelebt, voller Angst vor dem Versuch, mein eigenes zu leben. Meine Mutter hat mein Leben bis heute zerstört. Sie hat sich nie selbst gesehen. Deswegen konnte sie vielleicht mich nicht sehen. Sie lebte anderer Leben. Neid, Gier und Schuldgefühle. Sie fühlt sich gepeinigt. Ich selbst fühle mich auch gepeinigt, kann aber etwas dagegen tun. Ich muss mich üben, ich muss in der Welt leben, muss von meinen Energien Gebrauch machen. Nur in gewissen Momenten konnte ich mir über mich selbst klar werden und nur mit Hilfe anderer Menschen. Ich muss einfach in das Leben anderer blicken und anderer Leben leben. Dabei führe ich ein eigenes Leen, ein gutes. Ich glaube, ich bin im Begriff, mich von meinen Eltern zu lösen. Ich bin nicht meine Mutter, Gott sei Dank. Ich muss anderer Leben akzeptieren. Wie kann ich für andere Verantwortung übernehmen, wenn ich für mich selbst keine habe? Ich bin ich. Ich muss ich sein. Ich muss von nun an ich sein - was immer auch geschehen mag. Ich trage jetzt die Verantwortung für mich."

Das Gefühl der Ganzheit, der Befreiung, setzte bei der Patientin in einem Moment ein, da sie sich an der Innenseite einer vertikalen Röhre emporklettern sah. Sie wusste, diese Röhre versinnbildlichte ihr Leben, die Röhre war ohne Boden, und von der Stelle, wo sie geboren worden war wie auch unterhalb davon befand sich eine schwarze, tintige , trübe Substanz, die sich ins Endlose fortsetzte. Als ich sie anwies, sich fallen zulassen ließ sie die Griffe los und fiel , hinab in die tintige Flüssigkeit. Im Fallen sah sie eine sich drehende Spirale, doch sagte sie später: "Im Fallen wurde ich Ich. Es war ein sehr angenehmes Gefühl, und ich begann mich dessen zu freuen. Ich fühlte, dass Liebe möglich war, und dass sie eine Lebensweise ist."
Dieser Prozess der Selbstwerdung und der Entdeckung der Liebe war die natürliche Fortsetzung der vorangegangenen Episode, in der sie mit ihren eigenen Empfindungen in Kontakt gelangte und ihre eigene Stimme entdeckte: die eigene, unter der Identifikation mit ihrer Mutter begrabene Identität. Wie schon zuvor wurde die Selbstwerdung mit Hilfe des Sichtfallenlassens erreicht. In einer früheren Sitzungsphase war es das Fallenlassen in Kummer und Verzweiflung nach Aufgabe ihrer Abwehrhaltung gewesen, jetzt jedoch ist es eintotaler Verzicht auf jede Bemühung, das im Bild des Fallenlassens seine Parallele und seinen Ausdruck der sich drehenden Spirale, hörte die Erfahrung auf, eine rein visuelle zu sein: Ihr Körper erwachte und nahm nun teil an dem Vorgang.
Jener Prozess des "Eintretens" in ein Bild, selber zu diesem Bild zu werden und sich auf diese Weise eine verleugnete Qualität wiederanzueignen, ist uns nicht nur aus der Gestalttherapie bekannt. Er besitzt eine weit zurückreichende Tradition, die viel älter ist als die Psychotherapie, wie wir sie heute kennen. Der Hindu-Bildhauer der klassischen Zeit zum Beispiel meditierte erst über den Gott, ehe er ihm Gestalt verlieh, indem er sich dessen Bild vor sein geistiges Auge rief und diese s Bild wurde. Die gleiche Praxis, ohne künstlerisches Ziel, kenne auch die jüdische Kabbalah und andere magische Traditionen. Die durch solche Praktiken heraufbeschworenen Götter sind nichts anderes als spezielle geistige Funktionen oder Geistesprozesse - genau wie die Erscheinungen, mit denen die Psychotherapie es gewöhnlich zu tun hat. In unserem letzten Beispiel symbolisiert die Röhre das gesamte Leben der Patientin - sie versinnbildlicht ihr eigenes Leben - und ist doch bodenlos und führt nach Jenseits. Es ist ein großes Ereignis, solch eine Tür zu finden , an der man anklopfen kann. Für den, der den Eingang wahrnimmt, ist die Möglichkeit einzutreten bereits gegeben: Sie besteht in der synthetischen Schau seiner Existenz ( wenn es überhaupt lediglich Schau ist).
Es hat mich überrascht, wie häufig unter Ibogainwirkung das Bild einer Röhre auftritt, und so möchte ich meine Auffassung weiter vermitteln, dass sie generell einen "Eingang" darstellt und damit wertvolle Aufschlüsse für ein mögliches Vorgehen gibt. Dieser Röhre sind wir in zwei der hier angeführten Beispielen bereits begegnet, doch sollen noch weitere Illustrationen der Klärung ihres Sinnes dienen.

Das nächste Beispiel ist ein Ausschnitt aus einer Sitzung, in deren Verlauf der Patient ein Bild nach dem anderen gesehen hatte, ohne jedoch emotionalen Anteil oder besonderes Interesse an ihnen zu nehmen. Sie wirkten ziemlich inhalts- und zusammenhanglos, und in ihrem Ablauf schien sich (uns) kein definitive4s Muster oder eine bestimmte Tendenz abzuzeichnen.
An einem bestimmten Punkt sah der Analysand eine Trommel. Sie ist eine typische Erscheinung der Ibogain-Welt und erweckt die Assoziation von Impulsivität, Macht, Bewegung und eventuell auch von Primitivismus. Wegen ihrer zylindrischen Form und weil sie hohl ist, kann man sie als Variation des Röhrenthemas betrachten. Ich forderte den Patienten auf, dieses Instrument zu verkörpern. Daraufhin begann er, mir zu schildern, dass er sich in eine große goldene Trommel verwandle, die man nur bei historischen Ereignissen von Bedeutung zu schlagen pflege. Die Trommel rollte dann einen Hügel hinunter und verwandelte sich schließlich in eine Generalsmütze. Sie gehörte in seinem Traum einem ganz unbedeutenden Mann, der sich lediglich mächtig aufspielte. Der "unbedeutende Mann" lässt nun bedeutungsmäßig auf das Gegenteil dessen schließen, was die große Trommel anzeigt: auf Minderwertigkeitsgefühle des Patienten, die er hinter einer überheblichen Selbstdarstellung verbirgt. Interessant ist, dass sich der Übergang vom einen Bild zum andern im Abwärtsrollen der Trommel ausdrückt: eine Parallele zum Herunterfallen im Innern der Röhre. Und es ist nur zu natürlich, dass der Patient in dem Augenblick, in dem er von seinem überhöhten Selbstbild lässt, das Gefühl hat, er fiele in sich zusammen, oder als sänke er ins Dunkel der Bedeutungslosigkeit ab - in dessen innersten Kern erst man dem wahren Selbst begegnet.
Jetzt forderte ich den Patienten auf, selbst jener General zu sein, und, im Begriff, sein wahres Wesen zu entdecken, erblickte er eine endlose Röhre, diesmal waagerecht wie ein Zug. Ich wies ihn an, in die Röhre einzusteigen, woraufhin sie sich in ein Düsenflugzeug verwandelte., dann in ein kleines Spielzeugflugzeug, das in Loopingschwüngen auf und ab flog. Dies darf als Sinnbild von Energie gedeutet werde; ich möchte in dieser ganzen Sequenz die Versinnbildlichung eines In-Kontakt-Tretens mit der Triebenergie sehen, das durch das Absinken beziehungsweise den "Fall" in die Bedeutungslosigkeit ermöglicht wurde, die Röhre ist Kennzeichen des Übergangs: ein endloser Hohlraum, der sich nun mit dynamischem Leben erfüllt, zuerst in Gestalt der zwei sich überlagernden Vorstellungen von einem fahrenden Zug und einem Düsenflugzeug, dann durch das Erlebnis der Beschleunigung, des Lichts, das die Hohlheit der Röhre durchflutet - ähnlich unserem ersten Fall, als der Analysand des weißen Lichts am oberen Ende seiner selbstgeschaffenen periskopartigen Röhre ansichtig wurde. Und die Triebkraft des Düsenflugzeugs wird nun individuell zu seiner eigenen, denn das Looping-Symbol zeigt, dass es sich jetzt um sein eigenes Wesen handelt. Und das erkennt der Patient auch selbst. Das Fliegen reflektiert seine wahren Empfindungen. Er flog spielend, wie ein Kind, das sich der Demonstration seiner erwachenden Kräfte und Fähigkeiten erfreut. Anders als der General empfand er seine Kleinheit nicht als Zeichen mangelnder Bedeutung, noch brauchte er um Rang und Bedeutung zu konkurrieren. Die in der "Trommel" verschlossene Energie konnte nun freigesetzt werden und vermittelte ihm unbefangenere Freude am eigenen Ich, und statt an jenen die Trommel schmückenden, von Größe kündenden Goldes erfreute er sich im Goldlicht der Sonne der eigenen Empfindungen.
Nachdem er eine Weile das Gefühl der Freiheit im Freiraum der Welt genossen hatte spürte er (durch das Flugzeug symbolisiert) das Bedürfnis nach Zielgerichtetheit und flog der Sonne entgegen. Doch als er sich ihr näherte, zögerte er, als hätte er Angst, wie Ikarus von ihrer Glut vernichtet zu werden. Schließlich flog er in sie hinein und entdeckte jenseits ihrer das Paradies.
Das Flugzeug war lediglich eine Umwandlung der endlosen Röhre, die eine Kraft zu kanalisieren, nicht aber zu erzeugen vermag. Das kleine Aeroplan, Kind der Sonne, spielte nur in deren Licht, und wiewohl es Eigeninitiative besaß, kann man doch sagen, dass seine Bewegung in Richtung Sonne mehr deren Anziehungskraft zuzuschreiben war. Das Aeroplan bedeutet ein Quantum an Energie, das nach einem Mehr von Sich-Selbst tendiert, das es indes nur durch Rückkehr zu seiner Quelle erwerben kann. Das Flugzeug ist ‚Vehikel' im doppelten Sinn, nicht Ziel an sich; es steht im Angesicht der Sonne wie die Sonne im Angesicht des Vaters ( siehe der Fallbericht Jakob) oder wie das Ego im Angesicht des Selbst.

In der Welt des Ibogain gibt es, wie wir sahen, zwei Energiebereicht: eine lichte und spielerische, die andere dunkel und voller Gier; eine Welt der Sonne, der Geister, des Tanzes, und eine andere der dunklen Teiche, gefräßigen Drachen, kastrierenden Hunde, bedrohlichen Gorillas. Irgendwo dazwischen kommen Bilder wie das des goldenen Löwen oder eines tanzenden Negers vor. In welchem Verhältnis steht der "niedere" Bereich der Ibogaine-Erfahrung, des Animalischen, der Wut, des einsamen Sonderseins zu Röhre und Sonne? Ich meine, die Betrachtung des letzten Falles kann uns helfen, bestimmte Andeutungen und Hinweise besser einzuordnen und zu erfassen, die wir dem hier präsentierten Material entnehmen konnten.
Um es kurz zu machen: Dieser Patient, Politiker, achtunddreißig Jahre alt, hatte in den ersten vier Stunden vorwiegend sexuelle und aggressive Gedanken und Fantasien. Im Verlauf dieser zeit kehrten zwei Symbole mit geringfügigen Variationen stets wieder : die Röhre, die zuerst ein Ring oder ein Auge war, und der Gorilla-ähnliche Anthropoide. Der Gorilla, seine erste Vision überhaupt, war zuerst nichts als ein Tier. Später erkannte der Patient in der großspurigen Grandezza des Tieres sein eigenes Auftreten wieder. Und je weiter dieser Erkenntnisprozess fortschritt, desto mehr verwandelte sich das Bild in ein menschliches: in einen gigantischen, affenartigen Mann, den er "den Feldwebel" nannte. Gegen Ende der vierten Stunde merkte ich, dass die Wirkung der Droge nur noch etwa zwei Stunden vorhalten würde, und noch sah ich so gut wie gar keine Entwicklung in der Erfahrung dieses Patienten. Angesichts dessen beschloss ich, das anscheinend sinnlose Karussell der Imaginationen durch Verabreichung von Kohlendioxyd kurz zu unterbrechen in der Hoffnung, dass das Inhalieren des Gases die Egofunktion vorübergehend schwächen und bislang im Unterbewusstsein begrabenes Material zutage fördern werde. Es zeigte sich , dass der Patient nicht mehr als zehn Züge zu ertragen vermochte: Er bekam das Gefühl, als ob er - der großspurige Riese - in einer Röhre nach oben und sein Kopf mit ungeheurer Gewalt gegen die Decke gepresst würde. Das werde ihm den Schädel brechen!
Nach dieser Anwandlung von Ohnmacht und Todesfurcht trat ein Wandel in seinen Empfindungen wie auch in bezug auf den Inhalt seiner Mitteilungen ein. Nicht nur durchschaute er nun den Feldwebel, der andere einschüchterte und ihnen drohte, um sich selbst das Gefühl der Sicherheit zu verschaffen, sondern er nahm auch das der Tyrannei des Feldwebels unterstellte Kind wahr - ein Wesen, das sich nach Zuwendung und Liebe sehnte, jedoch nicht wagte, anderen dies zu erkennen zu geben. Jetzt tauchte der Riese mit seinem gewaltigen Brustkasten über kurzen Beinen, bekleidet mit kurzen Kinderhosen, vor seinem inneren Auge auf. Ein Strom von Erinnerungen setzte nun ein; es war eine Art Beichte, bei der sich der Patient nach und nach zu seiner Schwäche, Schuld und Unsicherheit bekannte.
Weil ich fürchtete, ich müsste die Sitzung abschließen, ehe ein definitiver Punkt erreicht war, wandte ich noch einmal CO2 an. Diesmal war das Ergebnis weitaus dramatischer; er geriet in einen zustand der Ekstase, unter deren Nachwirkung er noch den ganzen übrigen Tag verblieb: Am anderen Ende der Röhre konnte er die Sonne sehen!
So verbrachte der Patient die folgende Stunde in einem Zustand, den man am besten als Anbetung der Sonne bezeichnen könnte. Nicht der physikalischen Sonne, die bereits untergegangen war, noch einer halluzinierten Sonne, sondern dessen, was immer sie symbolisieren mag. Wir saßen nochlange beisammen, schweigend, nur ab und an ein Wort wechselnd, und auch vor meinem inneren Auge schwebte über unseren Köpfen die Sonne fast spürbar im Raum, denn auch ich wurde von der Ergriffenheit des Patienten, von der tiefen Dankbarkeit erfüllt, die er für sie, die Quelle allen Lebens empfand.
Ich habe zuvor darzustellen versucht, wie nicht nur unter Ibogain, sondern auch unter Harmalin-Wirkung ein gegebenes Thema entweder als Bildsequenz erlebt oder lediglich kontempliert werden kann, mit deren Inhalt sich der Analysand freilich selten identifiziert. In diesem letzten Beispiel sind wir meiner Meinung nach Zeuge einer Wiederholung jener Urerfahrung gewesen - im Sinn des Ewigen und nicht des Zeitlichen -, aus der sich alle Sonnenmythen sowie die Idee der Identität von Gott und Licht herleiten. In den meisten Sprachen blieb die Sinngleichheit beider Worte bis heute erhalten.
Den Rest des Tages hielten wir noch Rückschau auf seine Erfahrung - ein Kompendium seines Lebens. Der Gorilla in ihm, der Feldwebel, der große Mann, er sollte für den Patienten nicht tragbare Schwächen und Schuldgefühle verbergen. Ein Großteil davon war nichts anderes als Liebesbedürfnis bei gleichzeitiger Angst, dieses Bedürfnis zu erkennen zu geben, während die Schuldgefühle weitgehend aus dem Sexualbereich herrührten. Die vor mir ausgebreitete Lebensbeichte bestand größtenteils in der Geschichte seines Geschlechtslebens. Dieses Thema zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Sitzung. "Wie kann ich Sex und Sonne in Einklang bringen?" sagte er, der sich mit zwei seiner Meinung nach unvereinbaren Welten konfrontiert zu sehen glaubte: der des reinen Geistes und der des Fleisches. Doch seine Skrupel zerstreuten sich bald, und dann brach folgende Erkenntnis aus ihm heraus: "Der erigierte Penis weist ja auch zum Licht!" das war keineswegs ein Spiel mit Worten oder Einfällen, sondern Ausdruck eines Einstellungswandels in geschlechtlichen Dingen: In dem Maße sie sich nach der Sonne ausrichteten, wurden sie rein und heilig; Ursprung und letztendliches Ziel des Geschlechtstriebs war Licht. Also hatte Sex selbst Lichtcharakter.
Mir erscheint diese Sitzung wegen der in ihr zu beobachtenden graduellen Umwandlung der psychischen Energie bei gleichzeitiger Öffnung des röhrenförmigen Kanals aufschlussreich. Zu Anfang war der Patient tatsächlich eine verschlossene Röhre und wünschte sogar, so zu sein. Einmal erblickte er eine Röhre, die sich bis ins Endlose dahinstreckte, was ihn zu Unzufriedenheits- und Unmutbekundungen veranlasste; sie habe weder Anfang noch Ende. "Ein Rohr, ein Rohr, ein Rohr, Rohr, Rohr...und kein Ende!" Und dann kam die Bemerkung, ein Rohr ohne Ende sei nichts. Ich halte diese Zurückweisung der "Jenseitigkeit" der Röhre insofern für bemerkenswert, als gerade diese Endlosigkeit in Verbindung mit dem Offensein der Röhre für die visionären Erfahrungen unter Ibogain charakteristisch ist. Doch dieses Offensein ist für das unnachgiebige kleine Ego der Tod; es ist "nichts". Infolgedessen musste der anmaßende Feldwebel sich weiterhin den Kopf an der Decke wundstoßen. Das Bild verrät, dass das Verschlossene der Röhre und die starre Abwehrhaltung des Mannes einander entsprechen. Um die Röhre zu öffnen, musste er sich den Schädel einrennen, was gleichbedeutend mit seinem Tod gewesen wäre. Und tatsächlich, dieser Mann verschwand zu guter Letzt.
Was mithin als erstes die Röhre passieren wollte, war die Aufgeblasenheit des Gorilla-Typs, und gerade sie konnte nicht durch die Röhre. Denn die Röhre vermochte keine Energieform aufzunehmen, die letzten Endes auf ein Sondersein abzielte. Indem er sich mit diesem Scheinbild seiner selbst identifizierte, bremste der Patient den Strom seines Lebens. Doch was war das für ein Leben, das zu strömen verlangte? Mehrmals sah er Röhren aus dem Untergrundauftauchen oder aus einem Erdgeschoss in die Höhe steigen. Einmal floss Wasser daraus - nicht strömend, nur sichernd. "Jetzt, jetzt, jetzt!" rief er ganz aufgeregt, und dann "Au, Au, Au!" Das Bild verwandelte sich in eine Kreuzigungsszene, dann konnte er sich an nichts mehr erinnern. Nicht nur der "Untergrund", auch der Kontext der Bilder weisen auf das "dunkle' Triebleben hin, das nach außen drängt; der Rest der Vision handelte von sumpfigen Teichen, Krokodilen und Negern. Dann trat eine Transformation ein: Animalisches Leben und Dunkel wurden zu Licht, denn die Sonne spendet Wärme gleich Energie. In der Tat, sie ist die Quelle aller Energie und damit allen Lebens. Sie ist buchstäblich der Vater der Pflanzen, Tiere und Menschen, und der Patient brauchte nur in seine Kindheit zurückzukehren, um dessen inne zu werden.
Dieses Bild diente lediglich der Ergänzung dessen, was wir bereits einer Reihe von anderen Fällen entnahmen. Betrachten wir zum Beispiel Adeles Erfahrung als Kind in ihrem Bettchen, als sie den schräg einfallenden Lichtstrahl erblickte ( "Das war Gott") oder die Erfahrung der andere Patientin, die nach jeder Konfrontation mit ihren animalischen Kräften eine lichtvolle Erfahrung durchlebte, oder den Fall Jakob, dem Fäden-Würmer-Tiere aus dem Mund quollen, um, in einen Vogel verwandelt, der Sonne entgegn zu fliegen - stets dürfte es sich um den gleichen, in Tiergestalt (respektive im gierigen Säugling) "verkörperten" Trieb gehandelt haben, der jeweils aus einem anderen Blickpunkt betrachtet als ein Dem-Licht-entgegen-Fliegen oder als Das-Licht-selbst erlebt wurde. Und die Veränderung des Blickpunkts besteht gerade in jenem "Eingehen in die Röhre": darin, ins Leben "einzutreten" und es "innen' zu leben anstatt außen lediglich seine Manifestationen zu registrieren; ihm so nahe wie möglich zu kommen, sich als seine Mittelachse zu spüren, als eins mit seinem innersten Kern; lieber Leben zu werden als es zu besitzen; einen Zustand zu erreichen, in dem Subjekt und Objekt, der Denkende und seine Gedanken, der Fühlende und seine Gefühle, Leib und Seele ein und dasselbe sind. Dieser Prozess des In-die-Röhre-Schlüpfens ist nichts anderes als das Eingehen in die eigene Erfahrung, das Zweck einer Vielzahl von traditionellen Meditationspraktiken ist.

"Also sprach der Erhabene zu seinen Jüngern:
Dies , ihr Mönche, ist der einzige Weg zur Läuterung der Wesen, zur Überwindung von Sorge und Trübsal, zur Erreichung des rechten Pfades und zur Verwirklichung des Nirwahns, nämlich diese vier Grundlagen der Achtsamkeit.
Was aber sind diese Vier? Da verweilt der Mönch in der Betrachtung des Körpers, voll Tatkraft, klarbewusst und achtsam, nach Überwindung weltlichen Begehrens und Kummers. Da verweilt der Mönch in der Betrachtung der Gefühle, voll Tatkraft, klarbewusst und achtsam, nach Überwindung weltlichen Begehrens und Kummer; da verweilt er bei der Betrachtung des Geistes, voll Tatkraft, klarbewusst und achtsam, nach Überwindung weltlichen Begehrens und Kummers; da verweilt er in der Betrachtung der Geistobjekte, voll Tatkraft, klarbewusst und achtsam, nach Überwindung weltlichen Begehrens und Kummers." (MAHA-SATI-PATTHANA-SUTTA, D 22, Buddhas Reden.Deutsch nach NYNATILOKA: Das Wort des Buddha, Konstanz 1953)

Und so ist es nur scheinbar ein Paradox, dass sich in diesem als Abwärtsbewegung zum Irdischen hin empfundenen Prozess der Versenkung in die Faktizität (des Körpers, der Gefühle, der Gedanken) trotz aller Irdischkeit eine Entität ausdrückt, die als von oben ausstrahlend erlebt wird. Je tiefer wir in ein und dasselbe Ding eingehen, desto mehr wird es zu etwas anderem. Und je mehr wir uns der Wirklichkeit nähern, desto "unwirklicher" wird sie. Geht nicht das gleiche in unserer Wissenschaft vor sich, die ja ebenfalls Realitäten entdeckt, die mit unseren menschlichen Sinnen nicht mehr fassbar sind? Und selbst die Kunst muss die Welt der uns vertrauten Erscheinungen transformieren, will sie zur Essenz der Dinge vordringen.

 

 

 

LexikonderZauberpflanzen

Kapitel aus dem Buch: Trips, Wie Halluzinogene wirken

Kapitel aus dem Buch: Traum und Wirklichkeit, Naranjo

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Wall Street Journal 2002

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