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Ibogaine

Erschienen im Kapitel 9 des Buches: Trips: Wie Halluzinogene wirken, , Aus dem Amerikansichen übersetzt von Ralph Cosack, Claudia Müller-Ebeling, Gunther Seipel und Michael Schlichting. AT Verlag, Aarau, Schweiz. 2001. ISBN: 3-85502-680-7

Ibogain

Cheryl Pellerin

Ibogain ist ein psychoaktives Indolalkaloid. Es ist in der Wurzelrinde des Regenwaldstrauches Tabernanthe iboga enthalten. Wie andere Halluzinogene auch kann es synthetisch hergestellt werden. Die Eingeborenen Westafrikas kultivieren und nutzen Iboga als Stimulans, als Apfrodisiakum, als Hilfsmittel zur Wahrnehmungsverstärkung bei der Jagd und - in höheren Dosierungen - als Sakrament bei religiösen Ritualen. Iboga ist halluzinogen wirksam du stimuliert das zentrale Nervensystem so stark, dass diejenigen ,die es zu sich nehmen, sich über eien längeren Zeitraum körperlich verausgaben können. Der Körper fühlt sich leicht an, als ob er schwebt, und die Gegenstände der äußeren Umgebung erscheinen von Spektralfarben überzogen. Iboga wirkt so stark auf die Motorik, dass Initianden der Stämme Westafrikas, z.B. der Fang aus Benin oder Gabun, während ihrer Iboga-Initiationszeremonien gelegentlich kollabieren und in ein spezielles Haus oder in eine Schutzhütte im Wald gebracht werden müssen. Die Stammesmitglieder glauben, dass der "Schatten" ( die Seele) der kognitiv nicht mehr anwesenden Person den Körper verlassen hat und in das Land der Verstorbenen und Vorfahren gereist ist. Stammesmitglieder betrachten Iboga als ihren "Urvorfahren". Priester 149 des Bwiti-Kultes und anderer Geheimsekten in Gabun nutzen die pulverisierte Wurzelrinde, um Fragen an die Geisterwelt zu richten und Ratschläge von den Vorfahren zu bekommen. Sehen sie die Spektralfarben, so wissen sie, dass sie sich dem Reich der Ahnen und Götter nähern. Unter Einfluss von Iboga dehnt sich die Zeit, und die spirituelle Reise schient Tage zu dauern, Hohe Dosierungen können die verschiedenen Sinneseindrücke wie Hören, Riechen und Schmecken miteinander verbinden. Die Stimmung kann schwanken von Angst bis Euphorie150.
1901 identifizierten Wissenschaftler Ibogain als den psychoaktiven Hauptwirkstoff der Rinde und untersuchten Anfang des 20.Jahrhunderts wor allem seine Wirkung auf das zentrale Nervensystem und die Herz-Kreislauf-Funktionen. In den 50er Jahren forschte man bei der pharmazeutischen Firma CIBA Gigy über die blutdrucksenkenden Eigenschaften von Ibogain. Zur selben Zeit nutzten einige französische Alpinisten Ibogain, um bei langen Expeditionen Hunger- und Müdigkeitsgefühle zu bekämpfen. Und schließlich tauchte Ibogain - wie nahezu jede andere bekannte chemische Verbindung der Welt, auch in der Drogensubkultur der späten 60er Jahre auf151.
1962-63 führte Howard Lotsof, heute Chef einer Firma namens NDA International, eine Reihe von Gruppenexperimenten durch, um den Einfluss von Iboga auf Kokain- du Heroinabhängigkeit zu untersuchen. Der Psychiater Claudio Naranjo berichtete 1969 und 1973 als erster über den Gebrauch von Ibogain als psychoaktive Substanz im Rahmen experimenteller Psychotherapie. 1985 beantragte Lotsof dann Patente zur Anwendung von Ibogain. Das amerikanische Amt für Patentrechte und Markenzeichen ( US Patent and Trade Office) erkennt jedem, der eine neue und sinnvolle Methode oder eine nützliche Verbesserung eines Verfahrens erfindet oder entdeckt, ein solches Anwendungspatent zu152.
1985 erhielt Lotsof das U.S.Patent Nr.4.449.096 für Ibogain zur Behandlung der Opiat-Narkotika-Abhängigkeit, und 1986 das U.S.-Patent Nr.4.587.243 für Ibogain zur Behandlung der Kokainabhängigkeit sowie 1992 das U.S.-Patent Nr.5.152.994 für Ibogaine zur Behandlung von polytoxikomanen Abhängigkeitserkrankungen.
Nach eigenen Angaben nutzt Lotsof Ibogain für die Einmalbehandlung zur Unterbrechung der chemischen Abhängigkeit, gelegentlich wiederholt er diese Behandlung im Verlauf von zwei Jahren. Angeblich bleiben die Patienten für 3 bis 6 Monate nach Verabreichung einer einmaligen Dosis "clean"; 10% bleiben sogar für 2 oder mehr Jahre nach einer einzigen Behandlung "clean" und 10% werden bereits nach 2 bis 3 Wochen wieder drogenrückfällig. Nach Lotsof erleben die Patienten, die Ibogain in diesem Setting zu sich nehmen, einen 4 bis 6-stündigen traumähnlichen Zustand mit Visionen von Ereignissen der Vergangenheit, gefolgt von einer Phase des Nachdenkens über die Erlebnisse und einer Phase allgemeiner Stimulation, die schließlich in einen Schlafzustand übergeht, aus dem sie dann erwachen, ohne noch das geringste Bedürfnis nach der vorher gebrauchten Droge zu haben. Allerdings sind die Reaktionen auf Ibogain individuell sehr unterschiedlich153.

Marc Molliver über Ibogain

Aus einem in Februar 1996 persönlich durchgeführten Interview mit Mark Molliver, Professor an der Abteilung für Neurowissenschaften und Neurologie der John Hopkins University, Baltimore, Maryland. Seit zwanzig Jahren untersucht er die Mechanismen von neuronalen Schädigungen, verursacht durch Drogen, und beschäftigt sich mit der Frage, wie Substanzen die die Stimmung beeinflussen, im Gehirn wirken.

"Ibogain ist ein sehr starkes Halluzinogen, das seinen Nutzen [in der Behandlung von Kokainabhängigen] erwiesen hat. Dies hat folgenden Hintergrund: Als Student gehörte Howard Lotsof vor 10 oder 12 Jahren in New York zu einer Gruppe von Leuten, die Drogen konsumierten. Ich denke, sie fanden die üblichen Substanzen bald langweilig und suchten nach etwas Aufregenderem. Sie hörten von einem Stoff, der von Pygmäenstämmen im Kongo in Zentralafrika benutzt wird. Er wird als eine Art psychedelisch wirkender Tee beschrieben, der aber eine rituelle Zubereitung ist, die in religiösen Zeremonien eingesetzt wird. Daneben nutzen Stammesangehörige diese Substanz, um junge Männer zu Kriegern und Jägern zu initiieren. Lotsof gelangte in den Besitz dieses Tees und trank ihn. Er berichtete, am nächsten Morgen aufgewacht zu sein und sein Interesse an Drogen vollständig verloren zu haben. Er gab den Tee einigen Freunden, die anschließend dasselbe berichteten, Lotsof folgerte daraus, dass die Substanz eine starke, gegen Abhängigkeiten gerichtete Wirkung habe [was wissenschaftlich aber noch nicht bewiesen werden konnte]. Er ließ sich Ibogain zur Behandlung der Drogenabhängigkeit patentieren, gründete eine Firma zur Vermarktung und leistete erfolgreiche Lobbyarbeit, um Regierungsstellen dazu zu bringen, daraus ein Behandlungskonzept für Suchterkrankungen zu entwickeln, Lotsof ist eine sehr engagierte Persönlichkeit und glaubt, dass es funktioniert. Ich persönlich bin mir da nicht so sicher. Zweifellos hat Ibogain aber sehr starke Wirkungen.
Wir untersuchten Ibogain bereits seit einigen Jahren und haben auch toxische Eigenschafen gefunden. Es kann in bestimmten Hirnregionen [bei Ratten und Affen] zu Schädigungen führen. An diesen Aspekten sind wir sehr interessiert. Im Tierversuch haben wir das bei etwas höheren Dosierungen [als sie von Menschen gebraucht werden] angeschaut. Bei Ratten bewirkt Ibogain eine Degeneration bestimmter Nervenzellen im Kleinhirn. Wir haben es auch Affen verabreicht und bei höheren Dosierungen einen ähnlichen Effekt beobachtet. Das NIDA (National Insitute on Drug Abuse) wollte Ibogain zur Behandlung von Suchterkrankungen einführen und bat uns,einen Blick darauf zu werfen. Wir berichteten dem NIDA und der FDA (Food and Drug Administration) davon [von der toxischen Wirkung]. Daraufhin entschloss sich das NIDA, sich von dem Projekt zurückzuziehen. Die FDA ist jedoch weiter daran interessiert und genehmigte [Wissenschaftlern] der University of Miami, einen kleinen klinischen Versuch mit sehr niedrigen Dosen durchzuführen.
Wir sind noch immer an weiteren Studien interessiert, um herauszufinden, wo im Gehirn Ibogain wirkt. Wir haben einige Vermutungen. Wir kennen bestimmte Regionen, wo es wirkt, aber nicht alle. Ich und eine Kollegin, Elizabeth O'Hearn, verfügen über Forschungsmittel, um die Wirkungen von Ibogain und die zugrunde liegenden Mechanismen zu untersuchen. Weil Ibogain im Hinblick auf ein verbessertes Suchtversändnis von Interesse ist, aber auch, weil es Hirnschädigungen [in Ratten- und Affengehirnen] verursacht, haben wir uns einige Jahre für weitere Untersuchungen vorgenommen. Ibogain hat uns ein Modell zur Verfügung gestellt, um einen Typus drogeninduzierter Hirnschädigungen zu studieren, der wir Exzitotoxizität154 nennen. Ibogain ist eine exzitatorische Verbindung und zugleich ein extrem starkes Halluzinogen - eines der stärksten im Hinblick auf die halluzinatorischen Effekte, die es auslöst. Der Bwiti-Kult155 in Afrika bettet die Visionen in einen mythischen Rahmen ein; sie sind Teil der Stammesreligion. Nach dem Verständnis der Anhänger des Kults geht man nach Einnahme von Iboga zurück in die Vergangenheit, begegnet den Ahnen und erkennt die gesamte Entwicklungsgeschichte der Kultur. Angeblich verändert sich dadurch die gesamte Lebenseinstellung.
Ibogain ist nahe verwandt mit einer anderen halluzinogenen Substanz, dem Harmalin, das in den Rgenwäldern Südamerikas - auf etwa demselben Längengrad - vorkommt. Harmalin ist dort in Verbindung mit DMT Bestandteil von Dekokten156 [ aus DMT-haltigen Pflanzen, wie Psychotria virides, in unterschiedlichen Rezepturen], die Ayahuasca genannt werden. Jemand hat kürzlich entdeckt, dass Ibogain und insbesondere Harmalin auch im alten Persien in Gebrauch waren. Man hat alte Dokumente gefunden, die seinen Gebrauch zu Beginn der Zeitrechnung genau beschreiben. Von einer anderen Gruppe haben wir erfahren, dass sie Leute nach Brasilien bringen, um dort Harmalin zu nehmen und damit spirituelle Erfahrungen zu machen und Suchterkrankungen zu behandeln. Dies bestätigte unabhängig voneinander und basierend auf den Berichten über den rituellen Gebrauch von Ibogain und Harmalin, dass beides potente Halluzinogene sind. Beide Substanzen besitzen Eigenschaften, die dem Suchtverhalten entgegenwirken, und beide zeigen auch dieselbe Toxizität.
Wir untersuchten beide Substanzen in ihrer Wirkung auf das Kleinhirn, das hauptsächlich aus großen Neuronen besteht, die nach Jan Purkinje, der als erster diese Zellen beschrieb, Purkinje-Zellen genannt werden. Nach der Einnahme einer dieser Substanzen in hoher Dosierung war zu beobachten, dass ganze Reihen dieser Purkinje-Zellen degenerierten. Wie bei einem Dominoeffekt, fielen ganze Zellreihen, Säulen von Zellreihen, von unten bis oben, von vorne bis hinten, völlig aus. Purkinje-Zellen gehören zu den wichtigsten Neuronen im Kleinhirn. Das Kleinhirn ist beteiligt an der Koordination von Bewegungsabläufen. Ich denk aber, dass man gerade beginnt zu verstehen, dass das Kleinhirn auch eine Rolle im Lernprozess und bei einer Anzahl von kognitiven157 Funktionen spielt. Wir sind gerade dabei, überhaupt zu verstehen, wie das Ganze funktioniert.
Das Kleinhirn ist wie ein großes graues Tuch. Wir nennen es graue Substanz. Dort sind Neuronen in kleinen, modularen Schaltkreisen angeordnet. Dort gehen Informationen aus dem gesamten Gehirn und von allen Sinnesmodalitäten ein. Das Kleinhirn integriert diese Informationen und erzeugt einen Output. Es sind gerade die Purkinje-Zellen, die die Nervensignale im Kleinhirn integrieren und ein Ergebnis (Output) hervorbringen, das weitergeleitet wird zu anderen Teilen des Gehirns, vor allem zur Großhirnrinde. Wir denken also, dass es angebracht ist, solche Substanzen mit Vorsicht zu gebrauchen. Wir stellten zwar fest, dass Ibogain bei Affen weniger toxisch wirkt, doch man stellt noch immer eine gewisse Toxizität fest, und es ist daher noch immer potentiell gefährlich. Das ist auch der Hauptgrund, warum das NIDA davor zurückschreckte, Ibogain weiter zu fördern [nicht aber davon, seine Wirkungen zu studieren]. Die dafür zuständigen Abteilung für Grundlagenforschung des NIDA unterstützt unsere Untersuchungen noch immer, allerdings entschied die Medication Development Division (Forschungsabteilung für die Entwicklung von Medikamenten), keine weiteren Gelder für diese Untersuchungen bereitzustellen.

149: Im amerikanischen Original steht "sorcerer" - Zauberer. Der Begriff des "Priesters" entspricht der tatsächlichen Funktion der Person aber besser, unter deren Oberaufsicht die Initiation neuer Mitglieder und die rituelle Verabreichung von Iboga steht. Der Bwitikult is ein synkretistischer Kult, der die afrikanische Tradition der Ahnenbefragung und -verehrung mit christlichen Symbolen und Praktiken in einer Art Gottesdienst mischt. (Anm.d. Übers.)

150: Schultes/Hofmann/Rätsch 1998, 112ff.

151: Mark Molliver und Elizabeth O'Hearn:"Ibogaine Neurotoxicity Raises New Questions in Addiction Research", in : Journal of NIH Research, November 1993, Vol. 5, 11, 50-55

152: Information des U.S. Patent and Trademark Office, entnommen der Website http://www.uspto.gov

153: H.S.Lotsof:"Ibogaine in the Treatment of Chemical Dependence Disorders. Clinical Perspectives", in MAPS Newsletters, Winter 1994, Vol. 5, 3.

154: Exitotoxizität, d.h. Toxizität durch Übersteuerung (Exzitation) oder Übererregung ( Anm. der Übers.)

155: Bwiti ist kein Stamm ( wie "tribe" im amerikanischen Original nahe legt), sondern ein Kult, der von mehreren Stämmen auf unterschiedliche Weise "kultiviert" wurde. (Anm.d. Übers).

156: Ein Dekokt ist ein Art Tee, bei der der Pflanzenbestandteil mit Wasser lange Zeit auf niedriger Flamme "aufgekocht" wird, bis ein konzentrierter Sud entsteht - daher der Begriff. Ein Dekokt unterscheidet sich von einem Tee (wie das Ayahuasca-Gebräu landläufig und auch im amerikanischen Originaltext) bezeichnet wird, dadurch, dass ein Tee nur eine kurzzeitige Überbrühung der entsprechenden pflanzlichen Mischung ist.(Anm.d. Übers.)

157: Kognition ist eine Sammelbezeichnung für mentale Vorgänge wie Wahrnehmen, Erkennen, Denken, Vorstellen, Erinnern und Urteilen. (Anm.d.Übers.)

 

 

 

LexikonderZauberpflanzen

Kapitel aus dem Buch: Trips, Wie Halluzinogene wirken

Kapitel aus dem Buch: Traum und Wirklichkeit, Naranjo

London Times

Wall Street Journal 2002

Esotera

Hanfblatt

Herointimes

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